Seit Weihnachten 2008 bin ich mit meinen beiden Jungs zu dritt. Meine Ex-Freundin und Mutter von Joy (7) und Ray (2) hatte einen neue Liebe gefunden und die Fortsetzung unseres gemeinsames Lebens war für sie wohl unter keinen Umständen mehr möglich. Alles war am Ende recht schnell gegangen und ich sah keine Möglichkeit mehr, mich diesem rasenden ICE in den Weg zu stellen oder gar hinterherzuhecheln. Merkwürdigerweise hatte mich die Trennung von meiner Freundin nach immerhin neun Jahren nicht so stark aus der Bahn geworfen wie ich erwartet hatte. »Du musst jetzt doch mal weinen, Tang. Das ist doch nicht normal, so cool zu sein!«

Das Tal der Tränen

Aber das Tal der Tränen hatte für mich eine andere Pforte. Der Gedanke an die Kinder und das Hineinversetzen in ihre Lage brach sofort den inneren Staudamm, und all der Schmerz und die Enttäuschung über die zerbrochene Familie verschaffte sich Raum. Und so habe ich zwischen Weihnachten und dem neuen Jahresanfang die emotional bisher schwerste Zeit meines Lebens verbracht. Ich hatte ja keine Ahnung, ob der kleine Ray, der ja noch kurz zuvor gestillt worden war, problemlos ohne Mama die Nacht überstehen würde. Aber darüber musste ich Sicherheit haben, wenn die beiden wie geplant bei mir bleiben sollten. Ich hatte ja noch die Handynummer der Mutter für den Notfall.

»La Le Lu« und Bananenbrei

Zum Einschlafen sang ich »La Le Lu« und trug den kleinen Mann in seiner Babytrage durchs Schlafzimmer. Joy, sein älterer Bruder hatte sogar auf seine gewohnte Gutenachtgeschichte verzichtet und war recht bald im Schlummerland. Ray brauchte viel länger, und als er endlich schlief, legte ich mich mitsamt der Trage und dem kleinen Känguru auf meinem Bauch ins Bett. Langsam abschnallen und den Kleinen auf die Seite rollen – gut gegangen ohne aufzuwachen. Nur zwei Stunden später, etwa um Mitternacht wurde Ray wieder wach. Da wir wie gewohnt gemeinsam im Elternbett schliefen, hatte ich sofort bemerkt, als der kleine Mann aufwachte. Aber ich hatte sowieso keinen rechten Schlaf gefunden und nur gedöst. Ray hatte eine heiße Stirn – also doch Fieber. Ich hatte schon seine »HaMi« – seine Hafermilch – in der Flasche und eine kleine Plastikschüssel mit Bananenbrei griffbereit auf dem Nachttisch. Schwupps war auch schon das erste Löffelchen im Mund und bald darauf war Ray satt und schlief in meinem Arm wieder ein. Doch die nächsten drei Stunden sollten die einzigen werden, die mir etwas Ruhe schenkten.

Plötzlich war Ray wieder wach und begann zu strampeln und zu weinen. Das war diesmal kein Hunger, das spürte ich, und ich nahm ihn gleich auf den Arm und trug ihn leise singend durch die Wohnung. Würde er nach seiner Mama rufen? Nein, offensichtlich fühlte er sich geborgen und wohl in meiner Nähe. Aber dennoch war er kaum zu beruhigen – er war ganz einfach fiebrig und konnte nicht einschlafen obwohl er hundemüde war. Also trug ich ihn weiter herum, wippte mit ihm in der Trage sanft auf dem Trampolin und nachdem wir die ganze »Lulaby-CD« dabei gehört hatten, schlief er für einige Zeit wieder ein.

Wenn wir diese Nacht überstehen …

Joy hatte glücklicherweise schon immer einen gesegneten Tiefschlaf, aus dem ihm kein normales Geräusch wieder aufweckt. Ich selbst aber lag halb sitzend auf der Couch, versuchte ruhig zu atmen und spürte zugleich die Anspannung in mir. »Wenn wir diese Nacht überstehen«, das wusste ich, »dann werden wir auch alles weitere schaffen!« Aber die Nacht war noch nicht zu Ende. Es war etwa 4:00 Uhr, als Ray das nächste Mal wach wurde. Mein wippender Tanz durch die Wohnung begann aufs Neue. Irgendwann ließen mein Kräfte nach und ich saß mit dem Kleinen weinend auf der Spielmatte. Ja, es war niemand mehr da, mit dem ich eine solche Situation teilen konnte, mit dessen Hilfe ich gemeinsam diese Nacht viel besser gemeistert hätte. Ich war wütend und verzweifelt zugleich. Wenn Joy jetzt auch noch wach geworden wäre und seinen Papa gebraucht hätte – nicht auszudenken. Aber solche, wenn auch zeitlich viel kürzere Situationen, sollten in der Zukunft durchaus noch kommen.

Ich weiß nicht mehr genau, wie wir durch diese aufwühlende Weihnachtszeit gekommen sind, aber wenige Tage später war Ray wieder gesund und konnte bis auf seinen Mitternachtssnack wieder gut schlafen. Die erste Hürde war geschafft und unser neues Leben hatte begonnen.

Foto: © B.M.Tang

* * *

 

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4 Responses to Alleinerziehender Papa – Was nun? – 1. Am Anfang

  1. Lieber Tang

    Ich ziehe meinen Hut vor dir, obwohl ich keinen aufhabe…
    Da ich selber kleine Kinder hatte und weiß wie es so ist alleine in der Nacht, völlig am Ende und trotzdem geht es noch weiter…
    Aber du bist der beste Beweis dafür, dass man immer das schafft was gerade ansteht…..egal ob man eine Frau ist oder ein Mann.
    Ich hoffe für dich, dass du einer Frau begegnest, die das alle so nimmt wie es ist…mit den Kindern, mit der nicht anwesenden Mama..usw….
    alles erdenklich gute für dich
    lg uschi

  2. Andrea sagt:

    Lieber Bernd,

    oh Mann, wie gut ich das nachempfinden kann, was Du da schreibst. Es ist die tiefe Liebe für unsere Kinder, die uns alles schaffen läßt. Die uns stark macht, die uns Kraft gibt, die uns die kleinen Wunder zeigt, die das Leben jeden Tag für uns bereit hält. Mit der Liebe im Herzen schaffen wir alles und sind niemals alleine.

    Du bist ganz sicher ein wundervoller Vater der seinen Kindern tiefe Wurzeln gibt und später die Flügel um zu fliegen …

    Du weißt ja, daß auch wir drei Mädels alleine bei meinem Papa ausgewachsen sind. Ich sehe noch heute oft seine heimlichen Tränen vor mir, wenn er einfach nicht mehr weiter wußte, wenn er solche Tage und Nächte erlebte wie Du sie beschreibst. Schade, daß er heute nicht mehr da ist – ich hätte ihm so gerne etwas von all dem was er für uns getan hat zurückgegeben.

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, viel Kraft, viel Liebe und Licht auf Deiner Reise mit Deinen beiden wundervollen Kindern.

    Drück Dich mal ganz feste …

    Andrea

    PS: Schöne Idee das mal so ehrlich aufzuschreiben – ich wünsche mir mehr davon – unendlich mehr …

  3. Antje sagt:

    Hallo lieber Tang,

    Es ist sehr schön zu lesen wie du dir durch diesen Gefühlsdschungel einen Weg bahnst.
    Durch die Liebe die du im Herzen trägst, kannst du deinen Kindern da begegnen wo sie dich spüren. Deine Kinder spüren das du für sie da bist, da bist wenn sie dich brauchen. Für sie brauchst du kein Held zu sein, für sie ist es nur wichtig das du ihnen im Herzen nah bist und sie die Bedingungslose Liebe mit dir teilen dürfen.
    Ich habe 4 Kinder und ich weis was es heißt die volle Verantwortung für sich und die Kinder zu tragen. Bin sehr oft an meine Grenzen gekommen und habe so machesmal nicht mehr gewußt wie es weiter geht.
    Eins wußte ich jedoch immer, egal was das Leben an Abenteuern für uns bereit hält, solange wir unseren Kindern mit Liebe begegnen und sie so nehmen wie sie uns gegeben worden sind, können wir alles schaffen, jede noch so große Herausforderung.
    Heute sind 3 meiner Kinder schon erwachsen und gehen so langsam ihre eigenen Wege, und wenn ich sie so sehe bin ich Dankbar und Stolz wie wir das zusammen hinbekommen haben.
    Du bist ein wundervoller Mensch und Vater, mit einem so großem Herz voller Liebe, du schaffst das auch und ihr 3 werdet nicht lange allein bleiben.
    Lebt das Jetzt, in dieser Konstellation und lernt das daraus warum es so für euch gekommen ist, wachst daran und seit Dankbar das ihr euch habt.
    Ich wünsche euch eine wundervolle Zeit miteinander und schicke dir ganz viel Licht und Liebe :-))))
    Antje

  4. Helen sagt:

    Lieber Tang,

    dein Bericht ist sehr bewegend – nach einem Jahr kannst du davon erzählen, aber die Bilder sind sehr aktuell und lebendig. Ich wünsche euch alles Gute! Ganz viele helfende, unterstützende und liebende Kräfte auf dem Weg!
    Helen

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