Laotse – Tao Te King

Im ersten Teil dieses Artikels habe ich am Ende unsere Abhängigkeit von Bewertung genannt, aus der wir unser Selbstwertgefühl nähren und die Frage gestellt: »Was können wir da ändern – für uns selbst und unsere Kinder?« Dazu möchte ich an dieser Stelle ein Kapitel aus einem meiner Lieblingsbücher zitieren: Das Tao Te King für Eltern von William Martin. Es trägt die Überschrift:

Sei vorsichtig mit Bewertungen

»Wenn du deinen Kindern beibringst, dass bestimmte Dinge gut sind,
werden sie vermutlich alle anderen Dinge als schlecht bezeichnen.
Wenn du ihnen beibringst, dass bestimmte Dinge schön sind,
werden sie vielleicht alle anderen Dinge als hässlich empfinden.

Nenne schwierige Dinge »schwierig«, und einfache Dinge »einfach«,
ohne das eine zu vermeiden und nach dem anderen zu streben.
So lernen deine Kinder, selbstbewusst zu sein. Nenne Resultate »Resultate«,
ohne das eine als Erfolg und das andere als Misserfolg zu werten.
So lernen deine Kinder, ohne Angst zu leben. Nenne Geburt »Geburt« und Tod »Tod«,
ohne das eine als gut und das andere als böse anzusehen.
Dann werden sich deine Kinder im Leben heimisch fühlen.

Achte heute darauf, wie deine Kinder die Dinge bewerten.
»Das stinkt.« – »Das ist doof.« Korrigiere sie nicht.
Achte einfach nur darauf und überlege, wo sie das gelernt haben.
Beginne noch heute damit, sie etwas anderes zu lehren.«

Nun, diese Sätze klingen für mich wohltuend anderes verglichen mit vielen Erziehungsratgebern, und ich gebe zu, dass sie für mich immer wieder Inspiration und Anstoß sind, mein eigenes Handeln und meine Worte anzuschauen.

Gefühle brauchen einen klaren Absender

Ich fände es wunderbar, wenn wir alle mehr Mut hätten, unser ganz persönliches Verhältnis zu den Dingen zu beschreiben. Ich richte mich hier im Übrigen nicht pauschal gegen das Loben oder Tadeln, sondern möchte vielmehr das verallgemeinernde Urteilen und Manipulieren zeigen, dass uns dabei ständig begleitet. Selbstverständlich darf ich jederzeit meiner Freude Ausdruck verleihen, wenn mir etwas gefällt und es offen zeigen. Genauso kann ich auch meinen Ärger kundtun, wenn mir was quer im Magen liegt. Die Gefühle sollten aber immer einen klaren Absender tragen. Wenn es mir möglich ist, sollte ich darauf achten, dass ich nicht verallgemeinere oder jemandem Schuld zuweise. Damit gebe ich meinem Gegenüber die Freiheit anders zu denken und bin weniger verletzend, wenn mir schon mal der Kragen platzt.

So, das klang ja jetzt beinahe wie aus dem Lehrbuch – so richtig mit »müssen« und »sollen«. Ich hoffe, ihr merkt, dass dies natürlich vor allem der Text ist, den ich mir selbst des Öfteren vorbete. Hoffentlich halte ich mich auch oft genug dran. 🙂

Ungeteilte Aufmerksamkeit und Freiheit für die Kinderseele

Ja, ich erwische mich ständig dabei, wenn meine Kinder mir beispielsweise ihre kleinen Kunstwerke zeigen, wie mir »Oh, das ist aber schön!« auf der Zunge liegt. Ein einfaches »Ja!« und meine ungeteilte Aufmerksamkeit würde ihnen oft schon genügen. Wenn ich mich darüber freue, dann versuche ich es auch so auszudrücken: »Ich freu mich wirklich, wenn ich Dir beim Gitarrespielen zuhöre!« Aber mir rutschen auch ständig alle möglichen Ausdrücke von »Toll, Super, Klasse« bis zu »Uaah und Schei…« heraus. Ich bin also kein besonders gutes Vorbild, vor allem wenn es um Schimpfworte geht. Aber wenn in den meisten Situationen meine augenblickliche persönliche Meinung, meine Sichtweise, in Worten und vor allem als Gefühl rüberkommt, dann bleibe ich bei mir und übernehme die Verantwortung dafür. Das bedeutet wirklich Freiheit für die Kinderseele und uns Erwachsenen tut es auch gut. »Ich bin nicht dies und das – das ist eben Papas oder Mamas Meinung und Überzeugung. Daneben gibt es meine eigene Meinung und noch tausend andere.«

Bedingungslose Liebe

Eines dürfen wir auch in diesem Zusammenhang von den Kinder dieser Welt immer wieder abschauen und aufs Neue lernen: Bedingungslos zu lieben! Leider entziehen wir unseren Kindern und auch jedem anderen Gegenüber gerade bei negativen Urteilen oft Liebe und Zuneigung. Damit wurden wir selbst bereits konditioniert und gelenkt, und wenn wir dieses Verhalten kopieren, wird dieser Kreislauf der Bedingungen mit »wenn Du dies und das nicht tust, dann bist Du nicht lieb(enswert)!« niemals enden. Wenn es uns jedoch gelingt, die liebevolle Grundhaltung immer zu bewahren, dann sind unsere Worte und Ausdrucksweisen nicht ganz so wichtig und berühren niemals die Substanz unserer menschlichen Verbindung. So wie die Wellen auf der Oberfläche des Meeres niemals den Ozean selbst in Frage stellen. Ja, und dann könnte ich mir diesen Artikel im Grunde sparen.

Aber da ich doch so gerne erzähle – hier noch ein kleines Beispiel aus meinem Alltag: Wie kann ich einem 7-jährigen, der gerne seine Füße auf den Tisch legt mit Tischmanieren vertraut machen? Und zwar so, dass er sich nicht total bevormundet und überfahren fühlt.
»Die Füße gehören nicht auf den Tisch – dass gehört sich nicht und damit basta!« war der Satz, den ich selbst so ähnlich genossen habe. Mit dem Ergebnis, dass ich es bis heute genieße, zu Hause die Füße auf dem Tisch und auf dem Stuhlrand abzulegen. Ja, auch beim Essen – ich finde das manchmal echt bequem. »Schlechtes Vorbild, Papa Tang!«
»Ja, ich weiß, aber wenn ich unter braven Leuten bin, dann benehme ich mich auch ganz brav und falle nicht unangenehm auf – ehrlich!« Meine Mutter glaubt mir das bis heute nicht. 😉

Wie habe ich es nun meinem Sohn gesagt? Unsere Unterhaltung verlief in etwa so:
»Joy, all diese Tischregeln und anderen Verhaltensregeln wurden von Menschen erfunden. Sie sind nichts weiter als Übereinkünfte, die schon nach ein paar Stunden Flug in anderen Ländern der Erde nicht mehr gelten. Da gibt es auf einmal kein Essbesteck mehr und alle essen mit den Händen.«
»Ja, das kenn ich schon, Tang. Das hab ich schon in der Sendung mit der Maus über Indien gesehen. Aber die essen dort nur mit der rechten Hand! Die linke ist bäbä, denn damit waschen sie sich mit Wasser den Popo ab. Ja wirklich – ohne Klopapier – das finden die Inder voll kratzig und schmutzig!«
»So isses! Und in Japan – wo Deine Mutter herkommt – gibt’s auch keine Messer und Gabeln als Essbesteck …«
»… sondern Stäbchen, Papa, und in China darf man beim Essen sogar schmatzen und schlürfen. Das finden die Chinesen voll normal!«

Bei diesem Thema hätte ich also bei meinem Sohnemann mit einem autoritären Machtspruch vielleicht ein bestimmtes Verhalten erzwingen können, aber das wäre für mich kein passender Weg gewesen. Stattdessen waren wir uns darüber einig, dass es tausende von sinnigen und unsinnigen Regeln auf der Welt gibt, die wir alle hinterfragen dürfen. Die Frage ist nur, ob wir in unserem sozialen Umfeld oder in einer bestimmten Gruppe Außenseiter sein wollen oder nicht. Wie viele Zacken brechen uns aus der Krone, wenn wir bei ihren Verhaltensregeln mitspielen oder nicht? Das kann sogar Spaß machen oder einfach als Zeichen von Respekt und Mitgefühl sein. Jeder Mensch sollte aber zu jedem Zeitpunkt für sich selbst entscheiden können, ob er da mitmacht oder nicht. Joy findet es immer noch voll blöd, die Füße im Restaurant unterm Tisch zu lassen und nicht zu schmatzen, aber er handelt nun aus eigener Einsicht heraus und lässt es meistens sein. Ich habe ihm in dieser Sache die Verantwortung nicht abgenommen. Aber ich schäme mich auch nicht für sein Verhalten, wenn er mal aus der Reihe tanzt. Den Schuh zieh ich mir nicht an – naja, manchmal schon noch ein bisschen. 😉

Zum Abschluss äußere ich die Hoffnung, dass wir für uns selbst einen Neubeginn und für unsere Kinder einen guten Start für eine veränderte Wahrnehmung der Welt schaffen können. Wir können ein neues Verhältnis zum Urteilen und Bewerten finden – wozu Lob und Tadel sicher dazugehören -, das uns vom Ballast der Identifikation befreit und jedem seine Wahrnehmung und Auffassung belässt. Das Zitat von William Martin gibt uns wertvolle Hinweise. Wenn wir uns die Schuhe anderer anziehen, müssen wir damit rechnen, dass sie uns nicht immer passen und Blasen verursachen. Es geht dabei um mehr als die Toleranz des Andersartigen. Es braucht unsere Einsicht darin, dass das was wir wirklich sind keiner Kleiderordnung unterliegt und schon gar nicht von Bewertung abhängt. Mit dieser Erkenntnis würden wir sicher alle ein großes Stück Freiheit zurückgewinnen, das uns irgendwann abhanden gekommen ist.

Foto: © B.M.Tang

* * *

 

Series NavigationLob und Tadel – 1. Die Weltsicht der Eltern


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4 Responses to Lob und Tadel – 2. Sei vorsichtig mit Bewertungen

  1. Alles gut und schön, lieber Tang. 🙂
    Ich bin im Großen und Ganzen durchaus bei dir.

    Ich finde es aber gut, wenn wir aufpassen, dass das Richtig und Falsch, das wir vorne zur Haustür rausgeschmissen haben, nicht durch die Hintertür wieder reingeschlichen kommt: Wenn es nämlich z.B. RICHTIGER und BESSER ist, sich Kindern gegenüber in einer bestimmten Weise zu verhalten. 🙂

    Die Frage ist immer, wie frei bin ich, es auch anders zu machen? Wie sehr liebe ich mich selbst, wenn ich mich meinen Kindern gegenüber „falsch“ verhalte? Sie vielleicht anschreie? Kann ich mir vergeben, ein A….och zu sein? Erst wenn ich die Freiheit habe, es auch falsch zu machen, kann ich es aus vollem Herzen richtig machen.

    In der Aktiven Schule beobachte ich an den Begleitern sehr viel „Richtigmachen“. Da ist viel Krampf dabei, viel Rechtfertigung, viel Verleugnung der eigenen Bedürfnisse. Und meine Kinder beobachten ebenfalls ganz genau, wie authentisch jemand ist. Sie kriegen es ganz genau mit, wenn jemand sich nur „nett verhält“.

    Man kann sich ein liebevolles, tolerantes Verhalten nur dann angewöhnen, wenn man gerade ein liebevolles Herz HAT. Wenn man sich zwingt, sich nice & sweet zu benehmen, während man eigentlich einen beschissenen Tag hat und eigentlich alle nur anbrüllen möchte, dann kommt sowieso nur „Stewardessenfreundlichkeit“ heraus. Und das Schlimme ist dann: man stellt das dem Anderen früher oder später in Rechnung.

    Ich weiß das, weil ich das so mache.
    Herzlich,
    Michaela

  2. Lieber Tang,

    es gefällt mir sehr gut, was du schreibst. Vor allem die Authentizität ist wichtig, wie auch Michaela bemerkt.

    Noch eine Ergänzung: Ich meine, dass Kinder und Jugendliche sehr wohl „Grenzen“ suchen und auch von uns Erwachsenen erwarten. Ich hab das so in der Erziehung meiner Kinder (Tochter und Sohn, sind inzwischen erwachsen) und vor allem auch während vieler Jahre Erziehung und Unterricht in einer Ganztagesschule so erfahren. Erziehung und Zusammenleben mit Kindern geht leider nicht ohne auch mal Kritik zu üben, und Grenzen zu setzen….

    Ich kann als Erwachsene einem Kind oder Jugendlichen klar sagen, dass dieses oder jenes Verhalten nach meiner Einschätzung so nicht in Ordnung ist, weil es bspw. einem anderen Schaden zugefügt hat. Dabei ist es jedoch wichtig das Verhalten des Kindes zu kritisieren und nicht das Kind! So kann sich das Kind selbst angenommen fühlen, obwohl sein spezielles Verhalten abgelehnt wird, von einer geliebten Person.

    Mit der Formulierung in einer Ich-Botschaft beziehe ich klar Stellung und übernehme die Verantwortung über diese Ansicht. Ich habe in solchen Fällen auch das Kind gefragt, wie es selbst sein Verhalten einschätzt und wie eine Wiedergutmachung des Schadens aussehen könnte. Dabei habe ich am allermeisten gelernt und bin vor allem aus der „bösen“ Erzieherinnenrolle raus.

    Nach meiner Erfahrung sind Kinder sehr kreativ und kooperativ „schwierige“ Situationen zu „regeln“. Dabei wird soziale Kompetenz aufgebaut, indem man sie lebt.

    Alles Liebe – Maria Hirscher

  3. Tang sagt:

    @ Michaela – Ja, ich weiß – wenn ich sage »sei vorsichtig mit Bewertungen«, dann bewerte ich ja schon das Bewerten wieder. Aber ich denke, die Achtsamkeit, die diese Sätze in uns wecken wollen, tut uns sicher gut – nicht nur im Umgang mit unseren Kindern. Es ist natürlich eine Gradwanderung, die ich hier aber ganz bewusst vollziehe. Einen kritischen Artikel über das Urteilen zu schreiben ist gewissermaßen schon paradox und beißt sich wie die Katze in den eigenen Schwanz. Ich tu’s trotzdem 🙂

    Es gibt einen Platz, von dem aus betrachtet es weder Falsch noch Richtig gibt und dort verweile ich sehr gern. Aber der Alltag bringt auch die Polarität ins Leben. Mein Hauptmotiv, dieses Thema »Lob und Tadel« zu wählen, ist meine eigene traurige Erfahrung mit Bewertungen – und die waren meistens sehr positiv -, sowie die Beobachtung vieler Kinder und Erwachsene, die wie ich über viele Jahre unter ständiger Anspannung Höchstleistungen erbringen, nur um liebens-wert zu sein und Anerkennung zu erfahren. Das ist meines Erachtens eine Volkskrankheit, deren Erreger ich gerne aufspüren möchte. Diese Erreger werden zum Glück ganz klein im Licht unserer Liebe und Aufmerksamkeit und können irgendwann wirklich ganz verschwinden.

    Ich sehe allerdings nicht ganz ein, warum wir – wenn wir bewusste Eltern sein wollen – unsere Kinder erst mit unseren Krankheiten anstecken müssen, um sie dann später zum Seelendoktor zu schicken. Das heißt auf Deutsch: Wenn mein Tag besch… läuft, dann hat das mit mir zu tun und ich darf mich auch gerne im Bad vor dem Spiegel anbrüllen, wenn mir dann wohler ist. Meine »Liebsten« sind dafür nicht verantwortlich und verdienen auch nicht meine schlechte Laune. Zum Glück kann man sich auch bei seinen Kids entschuldigen, wenn doch mal die Bombe platzt.
    Bei Dir, Michaela, mache ich mir da aber keine Sorgen. Du bist so offen und ehrlich, dass Du deinen Leutchen Deinen momentanen Zustand – egal wie er gerade ist – auch schilderst. Ich erfahre in solchen Situationen – wenn ich so ehrlich von meinen Gefühlen erzähle – von meinen Kindern sehr oft echtes Mitgefühl und liebevolles Verständnis. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen.

    * * *

    @ Maria – Ach ja, das leidige Thema mit den Grenzen. Eines muss uns immer klar sein: Wir zeigen im Alltag ständig im Umgang miteinander unsere persönlichen Grenzen auf. Aber die sind nicht gottgegeben, sondern gewissermaßen selbstgemacht. Auf der einen Seite suchen wir auf spirituellen Pfaden unsere eigene Grenzenlosigkeit und Freiheit wiederzufinden und auf der anderen setzen wir uns gegenseitig ständig Grenzen und fangen damit gleich bei unseren Kindern an. Vielleicht haben wir im tiefsten Innern ja Angst vor so viel Freiheit.

    Joys Lehrerin hatte gestern zu Beginn des Unterrichts einen langen Strich an die Tafel gemalt – einen Geduldsfaden. Davon hat sie im Laufe des Unterrichts immer wieder mal ein Stückchen weggewischt und damit den Kinder ihre Grenze sehr anschaulich aufgezeigt. Zu meiner Idee, eine Verlängerungsschnur am Ende anzuknüpfen meinte sie heute Morgen, dass das nicht so einfach bei ihr ginge. Ihr Faden bzw. ihre Kräfte könnten sich nur über Nacht wieder aufladen. Das kenne ich sehr gut, aber ich habe auch Tage, da kann neben mir eine Bombe explodieren, und ich komme nicht aus der Ruhe oder verliere die Geduld. Dann ruhe ich in mir selbst und die Energie, die ich vorne ausstrahle, fließt sozusagen direkt von oben wieder rein. Vielleicht wisst ihr, was ich damit meine – alles ist im Fluss. Es ist für mich völlig logisch, dass sich an solchen Tagen auch meine Kids erstaunlich kooperativ und friedlich benehmen – sie sind meine Spiegel. Wahrscheinlich ist das bewusst oder unbewusst das Geheimnis von Menschen mit der sogenannten Engelsgeduld.

    Wir wissen selbst aus eigener Erfahrung: Grenzen sind nicht statisch. Die Begrenzung von heute erweist sich morgen als gedankliche Fessel, die wir hinter uns zurücklassen wollen. Unsere Umwelt zeigt uns natürliche Grenzen, innerhalb derer wir bestimmte Spiele spielen können – Verstecken im Freien ohne Büsche und Bäume wird schwierig. Auch für unsere persönlichen Grenz- und Regelspiele brauchen wir diese Beschränkungen – daran ist nichts auszusetzen. Was aber, wenn wir auf diese Spiele keine Lust mehr haben oder wenn sich diese Grenzen auflösen? Irgendetwas Ungewöhnliches geschieht, das uns gerade noch fest und unumstößlich erschien – und schon wackelt unser Weltbild. Das darf nicht sein! Ich sage: »Doch das darf sehr wohl sein!«

    Grenzen aufzeigen heißt, uns selbst zu zeigen mit unserer eigenen Begrenztheit, mit unseren Schwächen und Eigenheiten, mit unseren beengten Vorstellungen und unserer wiederkehrenden Kraftlosigkeit. Ja, auch ich habe es gelernt, manchmal einen Schrei auszustoßen, wenn mein Kanal voll ist. Aber warum ist der voll – voll mit Ärger? Und was für eine Power liegt in diesem Ärger und so einem Schrei. Könnte die nicht auch anders genutzt werden?

    Wenn ich Dampf ablassen muss, dann habe ich vorher ordentlich Druck aufgebaut. Als bewusste Dampflok aber kann ich mit etwas Übung diesen Druck nicht nur zum Pfeifen und Schreien benutzen, sondern auf meine Räder übertragen. Dann komme ich in Bewegung und kann sogar einen ganzen Zug hinter mir herziehen.

    Dazu noch ein kleine Geschichte. Vor etwa zwei Wochen hatte ich so einen »mir-raucht-der-Kopf-Tag«. Ich wollte endlich schlafen, doch meine Jungs waren im Bett putzmunter und hatten alle Ideen der Welt, um mich ständig wach zu halten: »Noch eine Lurchigeschichte, Papa!« – »Kein Problem.« – »Ich hab noch Hunger und mag noch ein Stück Gurke.« – »Ja, Joy.« – »Ich auch … und Nüsschen!« – »Ja Ray!« – Und wenn Du schon in der Küche bist, kann ich noch ein Stück Käse?« … und so ging das immer weiter. Unter normalen Umständen kein Problem, aber diesmal hatte ich irgendwie beschlossen, langsam aber sicher die Palme hochzuklettern. Gleichzeitig fühlte ich mich hundemüde.

    »Aufhören, Jungs, ihr macht euren Papa noch kaputt!« Doch der Satz hatte genauso viel Durchsetzungskraft, wie ich mich fühlte. Als dann beim Vorlesen auch noch »auf-und-über-Papa-Kletterparty« angesagt war, stieg der Schrei in mir hoch. Bevor ich aber explodierte, schoss mir noch ein kurzer Gedankenfunke durch den Kopf: »Wie kann ich das erwachende Ärgermonster jetzt noch bremsen? – Es muss einfach zum Lachen gebracht werden. Lachen tötet Ärger!«

    »Aaaahhh-brrrrrrrrrrr-huddelbubbelrabbelbabbel!!!«, platzte es aus mir raus. Und gleich darauf noch mal eine Fontäne völlig blödsinniger Blubberlaute und Motorengeräusche – und zwar richtig laut. Die Jungs schauten mich zuerst etwas erschrocken und sprachlos an. »Ja, ich kann auch laut – so wie ihr!« Kurz darauf lagen wir alle drei prustend und lachend in den Kissen. Ich spürte zwar noch die Energie des Ärgers in mir, aber er war diesmal auf ganz andere Art verpufft als sonst. Ich fühlte sogar wieder meine verloren geglaubten Kräfte zurückkehren, und nach zehn Minuten Lesen schliefen wir alle drei friedlich ein.

  4. möller marion sagt:

    Da hast Du vollkommen recht. Weil etwas für Dich hässlich ist, heist das noch lange nicht, dass das für andere nicht schön ist.

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