»Blödmann!« – »Dummkopf!« – »Selber Dummkopf!« – »Was man sagt, ist man selber!« – »Genau!« … »Hey Jungs, langsam geht mir das jetzt auf den Wecker! Könnt ihr nicht friedlich zusammen spielen, wie das unter Freunden üblich ist – schließlich seid ihr doch Brüder.« – »Aber er hat angefangen!« – »Nein, Duuu ärgerst mich laufend!« – »Stimmt gar nicht! Du lässt mich einfach nicht in Ruhe und nervst laufend!«

So geht das ständig hin und her, und die Ärgermonster meiner Söhne machen so richtig Radau bis hin zu Handgreiflichkeiten. Die beiden sind jetzt nicht zu beruhigen, und schon fließen die ersten Tränen. Ich versuche, die Streithähne zu trennen und gerate selbst ins Kreuzfeuer. Dabei spüre ich die Macht und Energie dieser Wut und muss mich schwer am Riemen reißen, um nicht selbst in diesen Strudel zu geraten. Es ist natürlich nicht nachzuvollziehen, wie das alles angefangen hat und das ist im Grunde auch unerheblich. Die gegenseitige Schuldzuweisung führt zu nichts Weiterem als erneutem Streit. Jetzt sollen sich die Gemüter erst mal beruhigen und nach einer Weile bringen Papa Tangs blöde Witze den ersten zum Lachen. Ja, das Lachen bringt die Ärgermonster wieder zum Einschlafen – das wissen wir schon – bis zum nächsten Mal.

Ärgermonster und Schmerzkörper

So machen die beiden Brüder wie die meisten oder vielleicht sogar alle Menschenkinder ihre ersten Erfahrung mit dem Ärgermonster oder dem »Schmerzkörper«, wie Eckhart Tolle es genannt hat. Ein ziemlich gefräßiges Wesen, dass – wenn es einmal erwacht ist – immer Hunger hat. Und auf was? Hunger auf Ärger natürlich! Davon ernährt es sich und tobt solange, bis es satt und müde ist.

Am nächsten Morgen im Auto, auf dem Weg zur Waldorfschule im Nachbarort komme ich mit Joy (8) über das Ärgern ins Gespräch und behaute einfach, dass uns niemand anderes ärgern kann, außer wir selbst. »Aber Ray (3) nervt in letzter Zeit echt oft und das macht mich wütend! Und wenn Du, Tang, dann noch blöd grinst, dann könnte ich voll ausrasten! Das ist überhaupt nicht witzig!« Allein beim Reden darüber spüre ich bereits, wie sich wieder diese Spannung aufbaut, als ob dieses wilde Tier nur darauf wartet wieder loszutoben. »Glaub mir Joy, das Monster will uns nur tyrannisieren und zum Ärgern verleiten! Lass Dich nicht so leicht aus dem Häuschen bringen. Kitzel es, streck ihm die Zuge raus und lach es aus … das mag es auf gar keinen Fall!« – »Ja, ich weiss, Papa. Das blöde Ärgermonster soll mich einfach in Ruhe lassen … aber wieso kommt es immer wieder aus seiner Höhle? Kann es nicht bleiben, wo der Pfeffer wächst?« – »Könnte schon, aber dann müssten wir alle die ganze Zeit über ziemlich wach sein und die Willis genau beobachten.

Hier muss ich kurz erklären, dass ich für meine Jungs vor ein paar Jahren die Geschichte von den Willis und dem Ärgermonster erfunden habe. Sie beschreibt humorvoll und mit einfachen Bildern dieses leidige Spiel, dass uns das Zusammenleben so  oft vermiest. Ja, und daraus wird wohl ein schönes Kinderbuch werden. Und damit ist mein nächstes Buchprojekt nun auch kein Geheimnis mehr 😉

Die Willis im Kopf

Zum besseren Verständnis will ich noch kurz die Willis beschreiben. Diese Brüder wohnen nämlich in unserem Kopf und wollen ständig irgend etwas. Wenn sie es bekommen, bleiben sie lange Zeit recht friedlich – doch wenn ihr Wünsche nicht erfüllt werden, dann schlagen sie Krach. Und zwar so lange, bis sie mit ihrem Lärm das Ärgermonster aufwecken. Und dann geht die Party richtig los, wie bereits oben beschrieben.

Joy sitzt neben mir und wirkt nachdenklich. »Ich kann das nicht! Ray ärgert mich manchmal wirklich!« – »Okay, ich mach mal ein Beispiel. Wenn ich dich jetzt kitzeln würde … was würdest Du dann machen?« – »Gar nichts! Kaputtlachen vielleicht! Es kitzelt zwar, aber ich kann das Kitzeln irgendwie abschalten, Tang!« – »Ja und was wäre, wenn ich das Gleich bei Oma versuchen würde?« – »O-oh! Das gäbe Ärger!« – »Ganz genau. Oma ist ultrakitzelig und wird schon sauer, wenn man das nur mit dem Zeigefinger andeutet. Das sollte man lieber lassen. Ich kenne meine Mutter schließlich gut genug. Bei so was kann sie echt knatschig werden und versteht überhaupt keinen Spaß. Aber ist doch interessant: Zweimal das gleiche gemacht – der eine lacht, der andere ärgert sich. Und wer entscheidet nun über Ärger oder Spaß?« – »WIe meinst Du das, Tang?« – »Ich meine, dass Du und Oma darüber ganz alleine darüber bestimmen, ob ihr euch ärgert oder lacht. Klar, meine Absicht ist vielleicht das Ärgern und Necken, aber jeder von euch reagiert genau so, wie er es will! Daher gibt es streng genommen nur eine Version Ich ärgere mich … oder auch nicht! Ihr seid die Bestimmer, wo es langgeht. Und so ist das immer!«

Es ist natürlich eine Illusion, zu glauben, dass mit so einer schönen Erklärung unsere Monster plötzlich verschwinden würden. Aber es hilft vielleicht, die Schuld nicht beim Anderen zu suchen und bei der nächsten Gelegenheit etwas wacher zu bleiben. SIe kommt garantiert. Da fällt mir ein, dass ich in »Momoko« ein ganzes Kapitel über die Illusion von Ursache und Wirkung geschrieben habe. Allerdings gehe ich da ziemlich ins Eingemachte. Naja, irgendwie kommt dieses Thema wohl bei mir jetzt gerade wieder durch die Kids auf den Tisch.

Sorgensuppe

Nun zum zweiten Thema. Hast Du schon mal »Sorgensuppe« ausgelöffelt? Ziemlich schwer verdauliches Zeug. Steht bei vielen aber recht oft auf dem Speisezettel – unter anderem bei meiner geliebten Mutter.

Vorgeschichte: Gestern nachmittag hatte ich mir Omas Auto ausgeliehen – lustig, dass ich meine Mutter wie die Jungs meistens Oma nenne. Meine Kiste war jedenfalls gerade in der Werkstatt und ich hatte angedeutet, dass ich nach meinem Job noch mit einem Freund einen Kaffee trinken wollte. Ich wusste, das sie das Auto nicht mehr brauchte und so wurde aus dem Kaffee ein ganzer wunderbar entspannter Männer-Babbel-Abend.

Heute morgen bekomme ich doch glatt zu hören: »Wo warst Du denn, ich hab mir solche Sorgen gemacht und konnte nicht schlafen!« – »Aber Hallo! Wo sind wir denn! Was ist das denn für ein Film? Ab zurück in die Um-10-Uhr-bist-Du-aber-spätestens-zu-Hause-Teenager-Kontrolletti-Zeit, oder wie?« So hab ich mich netterweise nicht ausgedrückt, denn ich war heute nach 10 Tagen Bergurlaub mit den Jungs so richtig schön entspannt. »So, Du hast Dir Sorgen gemacht. Und was machst Du jetzt mit denen?« Die kleine Spitze kann ich mir nicht verkneifen. Mein kleiner Hinweis auf das Buch, dass schon seit Jahren auf ihrem Nachttisch liegt: »Sorge Dich nicht – Lebe!«, kommt nur zögerlich bi ihr an. Aber dann später bei Kaffee und Kuchen schaffe ich es, ihr ganz liebevoll etwas von ihrer Last abzunehmen und im Mülleimer zu versenken. Wenn mir das doch öfter gelänge. Ja, ich reg mich nämlich auch gerne auf – muss aber leider oft zu schnell über mich lachen. Manchmal aber vergess ich es und dann geht auch bei mir holterdiepolter richtig die Post ab.

Auch bei diesem Thema heißt es ganz richtig: »Ich mache mir Sorgen«. Und genau mit diesem Selbstgemachten schlage ich mich dann und kaue drauf herum. Die Sorgen gab es vorher gar nicht und jeder, der darauf »Lust« hat, macht sich seine eigenen – eine echte Eigenkreation. Etwa so wie bei: »Ich mache mir eine leckere Suppe oder einen schönen Abend!« Wer würde schon sagen: »Ich mach mir jetzt einen besch… Abend und und ne ätzende Suppe!« Da mach ich mir lieber Sorgen. Ja und in diesen Eintopf kann ich auch noch ein paar Probleme und andere Zutaten mit reintun und bei starker Hitze vor sich hinköcheln lassen.

So, Tang, jetzt reicht’s! Eben fang ich an stichelig zu werden. Und ich mag jetzt nicht bis in die tiefsten Verwirrungen unserer Denkmaschine hineinleuchten und Gründe suchen und Lösungen finden. Dazu habe ich unter anderem schließlich mal 500 Seiten vollgetippt. Aber ich erfreue mich doch immer wieder an unserer Sprache, die so präzise beschreibt, was da wirklich vor sich geht im Suppentopf des Lebens. Na dann, guten Appetit 🙂

P.S. Fast hätte ich diesen schönen Satz vergessen:
»Für andere zu sorgen ist ein Ausdruck von Mitgefühl und eine wunderbare menschliche EIgenschaft. Sorgen, die man sich macht, sind meist Gedanken, die uns in Vorstellungen und Geschichten verwickeln, die uns grundlos leiden lassen.«

Foto: © Noam | fotolia.com

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4 Responses to Sich ärgern und sich Sorgen machen

  1. Norm@n sagt:

    Buchstabensuppe mit einer kräftigen Prise Sorgenwillis und Ärgermonsterwillis.

    Und alles was die Willis wollen ist doch nur geliebt werden, bedingungslos. Nein, ich mein das nicht in heuchlerischer Eso-wir-ham-uns-alle-schrecklich-lieb-Manier, sondern wirklich. Wenn man sie nur genug liebt, werden die Ärgerwillimonster, die Sorgenwillimonster und die anderen Willimonster (oder auch nicht-Monster-Willis) nämlich von selbst wieder zu das, was sie in Wahrheit sind: Lebendige Geschöpfe unserer Gedanken, oder sogar Menschen die mal gestorben sind und es nicht mitgekriegt haben.

    *Das* ist natürlich harter Tobak, den manche so nicht abkönnen oder wollen, aber letztendlich geht es bei der Wieder-Erlangung der eigenen geistigen Freiheit um die wirkliche und wahrhaftige Entkolonialisierung des Ichs. Da hilft es nicht, wenn die nur einfach wieder einschlafen, denn dann kommen sie ja wieder. Erlöst wollen sie werden, so wie wir alle! Wir haben den Vorteil als lebendige *und* im Körper lebende Menschen, dass wir das selbst machen können. Die anderen sind zwar lebendig, aber können das nicht mehr selbst, sondern brauchen unsere Hilfe. Sind „Bedürftige“, die mit Mitgefühl geliebt und angenommen werden wollen (auch wenn sie das selbst mitunter noch nicht wissen). Durch die Entkolonialisierung wächst die eigene Liebesfähigkeit nebenbei auch noch ins unermessliche…

    So, das war jetzt mein Rant zur Ergänzung 🙂
    Norman

  2. Tang sagt:

    Hallo Norman,

    du hast wohl über das kosmische Internet bereits mein angekündigtes Kinderbuch gelesen oder wie?

    Du hast natürlich recht – eingeschlafene Monster kommen wieder und wollen erlöst werden. Wie bei »Jim Knopf« von Michael Ende. wo der böse Drache Frau Mahlzahn aus der Drachenstadt befreit wird und sich im Grunde durch die Kraft der Liebe zum goldenen Drachen der Weisheit verwandeln kann.

    Es ist übrigens eine besondere Freude, bei der Entstehung eines solchen Buches ständig mit Kindern zusammenzuarbeiten, die natürlich eine andere Sprache sprechen als wir Erwachsenen, aber des Pudels Kern oft genau in die Mitte treffen. Du kennst ja meinen Ansatz: Wenn unsere Gedanken die Monster erschaffen, dann werden die nur schwer verschwinden, wenn wir sie mit anderen Gedanken wegdenken wollen. Da muss eine andere Ebene her – die Welt in uns, wo die Liebe zu Hause ist. Also werde ich uns Betroffene mit dem »Quellcode« versorgen in Form von universellen Bildern, die uns genau diese Erkenntnis und den Zugang nicht über den Kopf sondern durch das Herz vermitteln. Dann werden die Monster tatsächlich verwandelt.

    Nun noch zu Deinem Begriff »wirkliche und wahrhaftige Entkolonialisierung des Ichs«. Den darfst Du mir gerne mal genauer erklären – wenn’s geht schön knackig und bildhaft.

    Liebe Grüße – Tang

  3. Marl*ie*s sagt:

    Lieber Tang,

    auch mein Mann und ich – er ist leider verstorben, mit 70, im Jahr 2004 – haben unsere beiden Söhne, beide geboren 1970 und 1974, bis heute ins Leben ***begleitet***. Ich bin inzwischen 66,5 Jahre jung. Und Du merkst sicher auf bei meiner Betonung auf ***Begleitung***. Folglich sind wir – mutig für die damalige Zeit – neue Wege gegangen. Also nicht das DEUTSCH-Allgemein +++ÜBLICHE+++ in Form einer leider allzu oft:….. VERBIEGUNG = ERZIEHUNG. Und beide Söhne, und noch viel mehr die beiden netten Schwiegertöchter, haben es uns als Eltern/Schwiegereltern, im Nachhinein gedankt.

    40 Ehejahre lang haben wir uns ***weder geärgert*** noch ***Sorgen gemacht***. Denn im Sinne der Bergpredigt, wo ***die Friedvollen*** das Leben vestehen, weil sie dem Leben an sich vertrauen, fühlten wir uns als Eltern beide wohler. Wir waren weeeeder autoritär noch antiautoritär. Wir versuchten einfach nur menschlich zu sein, und eine Art Vorbildfunktion zu bekleiden. Waren also weder Übervater noch Übermutter. Und das wünsche ich Deinen/Euren beiden Söhnen auch, denn wie ich sah, gediehen sie gut bei ihren beiden Eltern. Ja, Kinder zu begleiten ist und bleibt in erster Linie eine Herzensangelegenheit.

    Die Idee meines Vorgängers fand ich trotzdem sehr bemerkenswert: … die Sache mit der wirklich und wahrhaftigen „ENT-Kolonialisierung des ICHS.“ Meiiiiine Güte. Was für eine Wortschöpfung aber auch. Ich jedenfalls verlasse mich da weiter auf mein ÜBER-Ich-Idee, die mich wunderbar durchs Leben geführt hat, und die überlieferte, kürzlich in der U3L erst erfahrene Idee eines Sokrates der ***zwei Seelen in uns***. Die der musischen, und die der geistigen Seele, und fühle mich damit eigentlich noch besserrrrrrrr. Neue Idee sind trotzdem willkommen, denn unsere EVOLUTION geht ja stetig voran.

    Dir viel Erfolg mit Deinem enstehenden Kinderbuch, und toi-toi-toi für Deine Familie. Deine Mutter habe ich heute im Garten werkeln sehen, wir kennen uns ganz gut. Aber Du, als Sohn sicher besser. UND DAS IST AUCH GUT SO! Gut, dass Deine/Eure beiden Söhne, und vor allem AUCH DU, eine so taffe und starke MUTTER und Oma im Haus habt. Mit ihrer weiblichen Weisheit. Und auch ihren Schwächen, die wir alle haben!

    Liebe freundschaftliche Grüße von Marl*ie*s mit meinem seit 15 Monaten Lebensfreund Ralf!

  4. Joysea sagt:

    Ihr Lieben,

    mir gefallen alle Beiträge, sie sind genial!? hmm… ach so
    g= göttlich e=eingegebene n=nachlaufende i=integrierbare a=anteile l=lieeeben
    ja, dafür steht es wohl!!!

    von der Abwehr = etwas nicht sehen/fühlen wollen
    über die Wut = die danach ruft
    durch die Trauer/Angst/Scham etc. = die sich dahinter versteckt
    in die Liebe = verbunden mit Allen/m
    und frei für mein Leben

    Ent-Kolonialisierung! Ent-wicklung der ungeliebten Eigenschaften, nackt werden, wieder wie die Kinder werden, in höhere Über-Ich-Werte. Jene die mir Mama und Papa 50:50 mitgegeben haben umwandeln zu den höchsten – Liebe, Freiheit, Frieden… zwei Seiten der Medaille!

    Schön, dass es immer mehr Eltern gibt, die 100:100 Liebe weitergeben oder schon ziemlich nah dran sind! – Wie Mahatma Ghandi es ausdrückte: »Sei selbst die Veränderung, die du in der Zukunft erwartest!«

    Vielen Dank fürs Teilen und Erinnern…!
    Viel Spaß mit den Jungs!! – Viel Freude am Leben!!!

    LG aus Berlin – 🙂 Kirstin Viola

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