»Je t’aime … «

Nur noch drei Tage bis Weihnachten. Harald F. sitzt bei »Luigi«, seinem Stammlokal. Vor ihm steht duftend seine Lieblingspizza »Quattro Stagione« und genussvoll nimmt er mit geschlossenen Augen seinen ersten Bissen. Luigi kennt Harald bereits seit über 25 Jahren und manchmal legt er ohne Aufforderung eine seiner alten Lieblings-Platten ein. Auch heute wieder, wie schon so viele Male zuvor, haucht diese weiche, erotische Stimme von Jane Birkin ganz sanft aus der Stereoanlage: »Je t’aime … « und dazu diese langsame, unvergessliche Melodie. All das zaubert Harald ein breites Lächeln ins Gesicht, während er bereits sein zweites Pizzastück in der Hand hält. Er legt es langsam wieder zurück auf den Teller und fühlt, wie dieses warme erotische Gefühl in ihm aufsteigt. Es ist genau wie damals, im Sommer 1970, und er sieht wieder alles vor sich, als ob es gerade erst passiert wäre. Seine Erinnerungsspur führt ihn direkt an den Strand von Ibiza.

Die Traumfrau

Er war in dieser warmen Sommernacht barfuss am Strand spazieren gegangen, als auf einmal diese wunderbare Frau nackt aus dem Meer gekommen war und ihre nassen langen Haare ausschüttelte, dass die Wasserperlen wie ein kleiner Regen um ihren Kopf spritzten. Er hatte ihr das Handtuch gereicht, das auf einem Felsen lag, und sie schenkte ihm dieses blitzende Lächeln, als ob sie nur auf ihn gewartet hätte. Sie hatten kaum geredet und schauten fasziniert auf das Schimmern der Wellen, die der volle Mond wie einen breiten Glitzerteppich vor ihnen ausbreitete. Er hatte ihren warmen, feuchten Körper neben sich gespürt und dann war alles ganz schnell gegangen, während aus der nahen Strandbar diese Musik in die kleine Bucht herüberwehte. Es war die letzte Nacht vor seinem Rückflug und er hatte sie nach diesem unvergesslichen Erlebnis nie wiedergesehen. Die Melodie aber war seither zusammen mit diesem wärmenden Gefühl irgendwo in ihm eingebrannt.

Bissen im Hals

Plötzlich ertönt von einem der Nachbartische eine wütende, beinahe hysterische Männerstimme: »Stellen Sie sofort die Musik ab! Ich kann dieses Lied nicht mehr hören!« Der fremde Gast sitzt mit hochrotem Kopf vor einen Teller »Spaghetti aglio e olio«, die mit gerösteten Pinienkernen, ein paar Blättern Rucola und köstlichem frischen Parmegiano Regiano angerichtet sind. Der Bissen ist dem Mann beim Erklingen dieses Liedes förmlich im Hals stecken geblieben, und er fühlt, wie es ihm denselben zuschnürt. Nie wieder wollte er an dieses schreckliche Ereignis, dass nun schon so lange her war, erinnert werden. Doch nun war dieses bedrückende Gefühl wieder da, kriecht ihm unaufhaltsam unter die Haut und nimmt von ihm Besitz.

Schlimme Erinnerung

Er hatte damals Marianne, seine junge Frau, überall vergeblich gesucht, nachdem sie das Appartement wegen diesem völlig unnötigen Streit einfach fluchtartig verlasen hatte. In seiner Aufregung hatte er sich erst spät an Mariannes kleine Lieblingsbucht erinnert und war dieser Gedankenspur schließlich gefolgt. Was er dann im Schein des Vollmonds hinter den Felsen mitansehen musste, hatte ihm beinahe das Herz zerrissen. Er wollte wegrennen, doch er war gleichzeitig wie gelähmt. Nie hatte er später mit Marianne darüber geredet, dass er sie dort mit diesem fremden Mann beobachtet hatte. Er wollte sie damals einfach nicht verlieren. Dennoch hielt ihre Beziehung nur noch knappe zwei Jahre. Sie hatten sich immer wieder gestritten und schließlich einsehen müssen, dass sie so nicht weiter zusammen leben konnten. Aber der Schmerz und die Eifersucht, den er damals ertragen musste, saßen immer noch verborgen ihn ihm, und sie lauerten wie ein hungriges Raubtier im Käfig auf einen unachtsamen Moment des Wärters. Jetzt war es wieder ausgebrochen und hatte ihn unbarmherzig an der Kehle gepackt.

Gefühle und Denken

Diese Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie die gleiche Situation bei verschiedener Betrachtung und Bewertung völlig unterschiedliche Emotionen auslösen kann. Und das nach so vielen Jahren. Die Erinnerung an das längst vergangene Ereignis reicht in beiden Fällen aus, die Situation von damals wie einen Film auf die innere Leinwand zu projizieren. Harald F., dem Stammgast, mag man angesichts seiner Erlebnisse vielleicht ein augenzwinkerndes, verständnisvolles Lächeln schenken zusammen mit einem »Jaja, so war das damals …«. Dem fremden Gast wiederum würde man wahrscheinlich raten, alles endlich zu vergessen: »Das ist doch schon eine Ewigkeit her, nun lass deine Ex-Frau doch endlich los.«

Was ist hier eigentlich genau geschehen? Ein vergangenes Ereignis löst über die Erinnerung in der Gegenwart Gefühle aus. Diese werden einmal als angenehm, im zweiten Fall als unangenehm empfunden. Im Internetlexikon Wikipedia list man: »Gefühle werden oft auch als Emotionen bezeichnet. Sie sind ein psychophysiologischer Prozess, der durch die mentale Bewertung eines Objekts oder einer Situation ausgelöst wird und mit physiologischen Veränderungen, spezifischen Kognitionen, subjektivem Gefühlserleben und einer Veränderung der Verhaltensbereitschaft einhergeht.« Klingt vielleicht ein wenig kompliziert, doch diese mentale Bewertung findet offensichtlich in unserem Kopf statt – durch unser Denken. Der spürbare Teil der Emotionen betrifft dagegen den ganzen Körper, oder manchmal auch nur bestimmte Teile davon.

Illusionen im Kopf

Wir sollten uns bewusst sein, dass beide Geschichten nur als Bilder im Kopf, als Illusionen existieren, die über einen Auslöser – den alten Song – aus dem Gedächtnisspeicher hervorgekramt werden. Nichts davon findet im Augenblick statt – außer natürlich den Emotionen, die diese Gedanken hervorrufen. Es ist, als ob die Gedanken förmlich auf unseren Körper prallen und ihn zu einer sinnlich spürbaren Reaktion anregen. Wie diese Reaktion ausfällt, spielt im Grunde keine Rolle – sie bezieht sich in beiden Fällen auf eine virtuelle Realität, auf eine Simulation von Wirklichkeit. Das gleiche geschieht auch bei Gefühlen, die durch Gedanken an Zukünftiges ausgelöst werden: zum Beispiel Vorfreude oder Angst. Auch hier gibt es angenehme und unangenehme Varianten. Allen gemeinsam ist wiederum das Fehlen der Gegenwärtigkeit.

Marionettentheater

Wie hinderlich für unser tägliches Leben solche Gedanken an Vergangenes oder Künftiges sein können, zeigt sich am Beispiel der wahrscheinlich kalt gewordenen Spaghetti unseres Gastes. Die unangenehme Erinnerung hatte ihm gründlich den Appetit verdorben und das leckere Essen blieb wahrscheinlich unangetastet auf dem Teller liegen oder wurde vielleicht etwas später unbeteiligt und ohne rechten Genuss verzehrt. Aber auch unser normales Essverhalten bietet oft ein anschauliches Beispiel für eine bestimmte Art von Abwesenheit. Tischgespräche, so schön sie sein mögen, lenken unsere Aufmerksamkeit meist auf alles andere als das leckere Essen, das vor uns steht. Selbst wenn sich das Gespräch sogar auf das Essen bezieht, reden wir allzu gerne über unseren Restaurantbesuch von letzter Woche oder vergleichen die Pizza vor unserer Nase mit ähnlichen Varianten bei zwei anderen Italienern. Auch die Variante: »Das sieht aber gut aus! Was ist denn da drin?«, verhilft dem Frager nicht wirklich zum echten Geschmackserlebnis, sondern regt lediglich seinen Speichelfluss an, wenn ihm die Antwort denn »schmeckt«.

Es gibt sicherlich viele Beispiele, wie unsere ständige gedankliche Beschäftigung mit Dingen, Themen und Situationen, die gerade gar nicht stattfinden unser Leben bestimmt. Wir kümmern uns mit Vorliebe sozusagen um ungelegte oder verlorene Eier. Solange wir dabei angenehme Gefühle haben, wird niemand ernsthaft danach fragen, wie unwirklich der Grund dafür sein mag. Bei unseren Ängsten, Alpträumen und Problemen ist das ganz anders. Sie würden wir am Liebsten per Knopfdruck abstellen. Es bleibt uns die meiste Zeit verborgen, dass das Denken selbst uns in diesen Irrgarten schickt. Der wilde Tanz der Gefühle wirbelt uns ein Leben lang herum wie Puppen im Marionettentheater.

Weg aus der Zeitfalle

Die gute Nachricht ist, dass uns zu jedem Zeitpunkt die Freiheit bleibt, aus der Zeitfalle herauszugehen. Wir haben dabei einen wunderbaren und jederzeit hilfsbereiten Verbündeten: unseren Körper! Er ist in der Lage, uns ständig aufs Neue in den jetzigen Augenblick zu katapultieren, wenn wir uns mal wieder in Vergangenheit und Zukunft verstrickt haben. Unsere Sinne sind allesamt an das Jetzt gebunden. Alles was wir sehen, schmecken, riechen, hören und fühlen können, geschieht in diesem Moment. Unser ganzes Leben ist ausgefüllt mit dieser überwältigenden Fülle an Sinneseindrücken. Allein unser Denken und die Identifikation mit dem Denker können uns von dieser Vielfalt, vom echten Leben selbst ablenken und in eine manchmal verwirrende Scheinwelt hineinziehen.

An unserem fremden Gast in Luigis Ristorante möchte ich nun einen praktischen Ausweg aus seiner verzweifelten, scheinbar aussichtslosen Situation aufzeigen. Ich werde ihn daher kurzerhand in einen bewussten, gegenwärtigen Menschen verwandeln:

… Der fremde Gast sitzt vor einem Teller » Spaghetti aglio e olio«, die mit gerösteten Pinienkernen, ein paar Blättern Rucola und köstlichem frischen Parmegiano Regiano angerichtet sind, als aus der Stereoanlage diese Melodie erklingt, die ihn an ein längst vergangenes, schmerzliches Ereignis erinnert. Er spürt, wie ein bedrückendes Gefühl bei dem Gedanken an diese Begebenheit in ihm aufsteigen will. Doch gleichzeitig steht da dieses leckere Essen vor ihm, dessen Duft ihm in die Nase steigt. Nein, er wird diese Erinnerung nicht verdrängen, sondern mit dem Licht der Gegenwart beleuchten. Er bemerkt sehr wohl, welche Anziehungskraft dieser alte Schmerz auf ihn ausübt. Aber schon der erste Bissen entfaltet einen so unwiderstehlichen Geschmack in seinem Mund, dass er sich dabei beobachten kann, wie ihm kurzzeitig der Gedanke an das Vergangene entwischt. Der momentane sinnliche Eindruck – das Schmecken, Riechen und Fühlen – ist stärker als das unangenehme Gefühl, das sich aus seiner Erinnerung nährt. Indem er seine Aufmerksamkeit auf das Essen lenkt, kann er eine Wahl treffen zwischen der unwirklichen Vergangenheit in seinem Kopf und der Lebenskraft dieses Augenblicks. Sogar dieses Lied, das er früher so gehasst hat, erscheint ihm mit einem Mal verändert, und er kann der Melodie sogar etwas Schönes abgewinnen. Mit einem Lächeln widmet er sich seinem Essen – er hat Marianne und sich selbst längst vergeben.

Ich muss nicht erwähnen, dass der Pizza essende Liebhaber am Nachbartisch trotz seiner schönen Erinnerungen und Gefühle mit aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht besonders präsent ist. Er läuft dadurch Gefahr, vor lauter Rückschau das augenblickliche Geschmackserlebnis seiner »Quattro Stagione« nur teilweise bewusst zu erleben. Derart vom Augenblicklichen abgelenkt, kann auch er in nächster Sekunde mit dem passenden Auslöser aus seiner euphorischen Stimmung ins glatte Gegenteil rutschen und selbst in Schmerz und Trübsal verfallen.

Gedankenfreier Raum

Um im Tanz der Gefühle die Marionettenrolle zu verlassen, können wir jedoch durch unsere wache Aufmerksamkeit auf das, was uns das Leben gerade in diesem Moment schenkt, jederzeit die Fäden der Identifikation zertrennen, mit denen wir uns selbst an unseren Verstand und seine Gedankenwelt festgebunden haben. Nur dadurch sind wir an die Vorstellung von Zeit gekettet. Wir haben sehr wohl die freie Wahl, wann, mit wem und zu welcher Musik wir tanzen möchten – Jetzt. Für mich selbst ist es immer wieder eine wunderbare Erfahrung, wie meine Gegenwärtigkeit, meine Hingabe an den Augenblick, mir immer mehr Stille und Lücken zwischen den Gedanken schenkt. Durch diesen zeitlosen, gedankenfreien Raum dringen meine Kreativität und meine Intuition. Das war schon immer so, doch früher hatte ich das nie bewusst wahrgenommen.

Foto: © Ivan Polushkin | fotolia.com

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