Ohne wahrscheinlich richtig zu wissen, was ein Sklave wirklich ist, entlockte er seinem erwachsenen Gegenüber darauf die spontane Bemerkung: »Tja, der Tang ist halt führungsschwach!« oder so ähnlich. Irgendwie musste ich bei dem Gedanken an diese Situation schmunzeln. »Und wie siehst du das, Joy?«, fragte ich. Die Antwort kam sofort und deutlich: »Ich seh das etwas anders, Papa!« – Schweigen – »Aber irgendwie bist du wirklich nicht so streng.«

Ich muss zugeben, dass mir diese Bemerkung gefiel, denn sie entspricht durchaus meinem »Führungsstil«. »Sag mal Joy, weißt du was ein Pferdeflüsterer ist?« – kurze Denkpause – »Und du bist ein Kinderflüsterer, Tang!« Dieser Satz war für mich wohl eines der schönsten Komplimente, die mir je ein Mensch gemacht hat. »Ja Joy, man kann Pferde dressieren oder man kann ihnen etwas zuflüstern – und für Kinder gilt das auch.«

Yakari ist ein Pferdeflüsterer!

Wir kamen bei unserer Früstücksplauderei sehr schnell darauf, dass wir ja bereits einen berühmten Pferdeflüsterer kannten: Yakari! Ja, ich erinnere mich noch sehr gut an erste Folge dieser Kinder-Zeichentrick-Serie, in der der kleine Indianerjunge Yakari sein späteres Pferd »Kleiner Donner« kennenlernt. Keiner aus seinem Stamm brachte es fertig, den wilden Mustang zu reiten. Nur Yakari, der die Sprache der Tiere versteht und sprechen kann, konnte ganz sanft und mit Einverständnis des Tieres seinen Rücken besteigen. Das Pferd behielt seinen eigenen Willen und seine Würde und die beiden wurden zu unabhängigen, besten Freunden.

Verwöhne Deine Kinder

Ich bin nicht sicher, ob ich das früher schon mal erwähnt habe, aber ich erinnere mich noch gut an die gut gemeinten Hinweise einiger Erwachsener zu meiner »Kindererziehung« als die Jungs noch klein waren. »Wenn du sie sooo verwöhnst, dann tanzen sie dir später auf dem Kopf rum!« Die ganze »Grenzensetzerei« ging mir damals und geht mir immer mal wieder kräftig auf den Senkel. Da kam mir die Bemerkung einer Freundin, die über mehrere Jahre mit ihrer kleinen Tochter in Indien gelebt hatte sehr gelegen. »Weißt du Tang – wenn du dein Kind wirklich von Herzen verwöhnst – wie einen guten Gast in deinem Hause -, dann verwöhnt es dich auch!« Ich habe mich daran gehalten und nun, nach fast 10 Jahren darf ich aus eigener Erfahrung sagen: »Sie hatte Recht!« Und dieses echte Verwöhnen ist ein bedingungsloses Geschenk – kein Deal! Es gibt noch eine andere Perspektive, nämlich die ganz große mit dem Blick auf Alles was Ist, aus der heraus das Verwöhnen einen wunderbaren Sinn macht. Wenn alles verbunden ist, alles eins ist, wenn alle Trennung eine Illusion ist – wen verwöhne ich da eigentlich? Mich selbst! Wen schreie ich an? Mich selbst! Wenn zwänge ich in ein Korsett aus Regel und Vorschriften? Mich selbst! Oder wem schenke ich bedingungslose Liebe, den Raum und die Freiheit? Mir selbst im Anderen, im Gegenüber!

Konditionierung und Manipulation

»Du darst heute nen Film schauen …, aber erst wenn Du Dein Zimmer aufgeräumt hast!« Solche Konditionierungssätze gehören – so hart das klingen mag – in die Dressurabteilung. Film schauen und Aufräumen sind zwei völlig getrennte Dinge, die hier zur Manipulation als Bedingung verknüpft werden. Für Kinderflüsterer ein absolutes No-Go! Aber Du darfst mir glauben, dass mir solche Sprüche auch immer mal wieder rausrutschen. Zum Glück wiehern dann meine kleinen Donnerer ziemlich laut und weisen mich mit Bocken und Widerspenstigkeit darauf hin, dass man so mit wilden Mustangs nicht weiterkommt. Dann muss sich der alte Indiander Tang was anderes einfallen lassen. Tja, um so ne Nummer durchzuziehen, hätte ich meine Pferdchen schon früher dressieren müssen. Tief im Herzen bin ich stolz darauf, dass mir das nicht mehr gelingt.

Die laute Welt da draußen

Die Welt außerhalb der heimischen Wände versteht jedoch sehr wenig vom »Flüstern«. Die meisten Formen von Erziehung kennen nur das Bedingungsspiel und formende Einflussnahme. Regelkindergarten, Schule und viele Eltern kommen im Führungsstil meist sehr laut daher. Und damit meine ich nicht akustisch laut. Schulnoten und andere subtile Druckmittel sind für mich superlaut und schreien ein Kind mit ihrer versteckten Machtausübung und Gewalt förmlich an. Zum Glück können Kinder, die in Freiheit und ungebrochenem Selbstbewusstsein aufwachsen, diese Angriffe oder Übergriffe ganz gut parieren und sogar manchmal die wahren Gründe hinter dieser »Lautheit« der Erwachsenen entdecken: Unsicherheit und Angst. Je nach Charakter reagieren die Kinder auf diese Frustrationen dann eher widerspenstig oder beleidigt. »Be-Leidigt« – ein treffendes Wort, wie ich finde. Jemand hat mir etwas zugefügt, unter dem ich leide! Aber was tun dann all die Pferdchen, die auch von zu Hause nie etwas anderes kennengelernt haben? Sie parieren und funktionieren irgendwann perfekt, und sie schreien – wenn ihnen überraschenderweise mal zu viel Freiheit gewährt wird – sogar selbst nach der Peitsche. Was sie später mit ihren eigenen Kindern veranstalten – das liegt in der Regel so ziemlich auf der Hand. Es sei denn, sie durchbrechen dieses Fortsetzungs-Drama mit bewusstem Handeln. Aus der Einsicht heraus, dass sie das weder sich selbst, noch ihren Kindern erneut antun möchten. Und genau diese Entscheidungsfreiheit haben auch wir.

Warum ist Schule nicht anderes?

Diese Frage stelle mir immer wieder. Ich kenne bestimmt nur einen kleine Teil an pädagogischer Literatur und Forschung, aber ich habe den Eindruck, dass man nach über 100 Jahren an Beobachtung und Experimenten ziemlich genau weiss, wie Kinder am besten lernen und zu selbständigen, bewussten und kreativen Erwachsenen heranwachsen. Selbst das erfolgreiche Schulexperiment »Helene-Lange-Schule« in Wiesbaden, die unter der genialen Leitung von Enja Riegel zur einer der besten deutschen Schule in der Pisa-Studio avancierte und damit zum Vorzeigemodell der Reformpädagogik wurde, hat nicht dazu geführt, dass jetzt alle deutschen Schulen diese Schulform übernehmen. Im Gegenteil schein das keinen wirklich zu interessieren und es wird genauso weitergemacht, wie bisher. Wenn Entscheidungsträger all das wissen und dennoch handeln wie sie es tun, gibt es dafür nur drei möglich Gründe: Angst, Dummheit oder Vorsatz! Darüber mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen.

Kinderflüsterer

Natürlich brauche ich meinen Freiraum. Aber dessen Begrenzungen sind völlig flexibel und ändern sich ständig. Das führt für den Beobachter vielleicht dazu, dass er in meinem Abgrenzungsverhalten jegliche Konsequenz vermissen mag. Richtig! Ich handele mit Vorliebe nach dem schönen Satz aus William Martins »Tao Te King für Eltern«: »Sein konsequent flexibel!« Irgendwie fühle ich mich dabei wie eine luftballonartige Seifenblase – völlig transparent und zugleich abfedernd und flexibel. Wenn man sie an der eine Seite quetscht, beult sie sich woanders aus. Ja, das Beispiel gefällt mir. Meine Kreativität findet immer ihren Raum, wenn ich sie nicht selbst mit Konzepten und Vorstellungen einschränke. Dazu mehr ihr meiner Artikel-Serie: Inspiration und Muse.

Wenn ich diese Flexibilität leben will, muss ich sie auch jedem anderen zugestehen, allen voran meinen Kindern. Wieso sollte ich sie schlechter behandeln, als einen guten Freund oder einen lieben Gast? Ja, meine Jungs dürfen jederzeit an den Kühlschrank – meine Gäste auch! Ja, ich räume gerne ab und zu ihr Chaos auf – das für sie übrigens keines ist! Das war es für mich – als ich Kind war nämlich auch nicht. Inzwischen helfen sie mir immer öfter dabei! Nicht weil ich sie mit Bedingungen erpresse oder irgendwelche Kuhhändel abschließe – sondern weil sie merken, dass sie sonst ihre Legoteile nicht mehr finden. 😉
Irgendwann kam einer von ihnen zu mir – ich glaube es war Joy – und bat mich, ihm auf die Nase zu drücken. Piep! Plötzlich legte der Aufräumroboter los und innerhalb einer Viertelstunde sah das ganze Kinderzimmer aus wie gewaschen und gekämmt – bereit für die Robies.

Ja, Du hast richtig verstanden! Unsere Robies sind ein Saug – und ein Wisch-Roboter, die zur freien Fahrt natürlich freie Flächen ohne Legoteile oder anderen Krimskrams auf der Erde brauchen.

Die Sache mit den Robies

Ich war schon drauf und dran, eine Putz-Perle für uns zu suchen, da ich irgendwann zugeben musste, dass ich alleine all die Aufgaben im Haushalt nicht packte. Vor allem die Fußböden blieben dabei längere Zeit auf der Strecke und oft erst bei Staubflockenbefall holte ich den Sauger aus der Ecke.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass wir einen lieben alten Schulfreund in der Schweiz besuchten, der damals als Single mit einer schicken aufgeräumten Wohnung glänzen durfte. Eines Morgens beim Frühstück fegte er mit einer lässigen Handbewegung einfach die Krümel vom Tisch, beobachtete genau unsere erstaunten Gesichert und grinste übers ganze Gesicht. Das passte nun so gar nicht zu meinem aufgeräumten Computer-Chip-Erfinder-Freund Roland, dem mit kindlicher Freude nur ein kurzes »Abwarten!« über die Lippen kam. Und da begann es auch schon von irgendwoher zu säuseln und zu brummen. Kurz darauf fuhr eine Art Ufo auf Rädern unterm Sofa hervor und dann kreuz und quer durch die Wohnung. Irgendwann hatte das Teil auch den Esstisch erreicht. Wir streckten ein wenig die Füße in die Luft, damit der kleine Saugroboter die Krümmel brav mit seinen kleinen Besen einschaufeln und verschlucken konnte. Die Jungs und ich waren begeistert. »Papa, so was brauchen wir auch!« und nur eine Woche später hatten wir die putzigen Haustiere angeschafft und dazu einen guten Grund, ab und zu alles Verschluckbare vom Boden zu entfernen. Als es dann noch ne Fernsteuerung dazu gab, mit der man sogar lenken kann, war die Weihnachtsbescherung mitten im Jahr perfekt. Der Eifer hat inzwischen – nach zwei Jahren – etwas nachgelassen, aber für bodennahe Kamerafahrten mit aufgeklebter Digicam plus Stofftierspazierfahrt kommt der Saug-Robie immer mal wieder auch durch Kinderhand zum Einsatz. Dass er dabei auch Staub frisst, ist nicht so wichtig – gefällt Papa Tang aber durchaus.

Zurück zur Kinderflüsterei

Die vollzieht sich für mich jedenfalls sehr einfach. Bei den meisten Wünschen an meine Kids stelle ich mir vorab lediglich die einfache Frage: »Wie können sie das, was jetzt gleich aus meinem Schnabel raus kommt annehmen und verstehen?« Mein Rezept ist nackte Ehrlichkeit über meine Befinden und meine Gefühle. Das wird akzeptiert – wenn auch mit etwas Meckern – wenn ich mal bei was ausflippe, das sonst locker durchgeht. Niemand ist immer in gleicher Stimmung – weder Kinder noch Erwachsene. Aber für mich gibt es nichts Schöneres, als der beste Freund meiner Jungs zu sein. Daher habe ich damit gleich nach ihrer Geburt begonnen und behandele sie auch so. Den sogenannten Erziehungsauftrag verwandele ich zum Freundschaftsauftrag mit dem dazugehörigen Benehmen für alle Beteiligten. Von Ziehen habe ich noch nie viel gehalten – weder in Be-Ziehungen noch bei Er-Ziehung. Viellicht sind mir daher auch Kinder-Gärtner vom Begriff her lieber.

Zum Abschluss noch ein Spruch aus dem »Tao Te King für Eltern« von William Martin passend zur Flüsterei:
»Verwechsele nicht Deinen Wunsch zu reden mit ihrer Bereitschaft zuzuhören!«

Foto: Mother and son whispering © fotandy | fotolia.com

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3 Responses to Von Papa-Sklaven und Kinderflüsterern

  1. Karin sagt:

    Lieber Tang, das hast du wieder sehr schön beschrieben. Neulich bei einem buddhistischen Seminar in Hannover hörte ich folgenden Satz:

    Geduld ist das beste Mittel gegen Ärger.

    Und das funktioniert tatsächlich, man kann sich immer wieder für diese Variante entscheiden. So wie du dich zum Gärtnern deiner 2 tollen Jungs entscheidest, immer wieder aufs Neue.

    Liebste Grüse aus dem Pilzparadies in der Südheide
    Karin

  2. Marie sagt:

    Hallo Tang,

    Es ist so schön von dir zu hören!
    Und so herrlich zu wissen, dass es Menschen gibt, die soooo viel Liebe verschenken können… für dich, deine Kinder, für uns uns alle…!
    Und was für ein wunderschönes Gefühl zu wissen, dass diese zwei Kinder genau das weiter geben werden, was sie bekommen haben: Liebe, Respekt, Selbstbewusstsein, Kraft, Halt.
    Das Wissen von dem Recht, sein zu dürfen wie man ist und sich voll entfalten zu dürfen… in der Achtung des Lebens…

    Schön gemacht… DANKE
    Marie

  3. Tang sagt:

    @ Karin – nun hat sich meine Antwort zum Thema »Geduld« tatsächlich zu einem ganzem Artikel ausgewachsen. »Geduld, Geduld, Geduld – oder – Sex, Drugs and Rock n Roll?« Danke für die Anregung 🙂

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