Wunschlos Glücklichsein - und das ausgerechnet zu Weihnachten?



Weihnachten ohne Wünsche – das klingt wie ein frommer Scherz! Aber vielleicht gibt es Wege heraus aus dem Konsumwahn hin zum Ursprungsgedanken dieses Liebesfestes. Die viel kritisierte »heile Welt« zur Weihnachtszeit beschreibt schließlich nichts weiter als unsere Sehnsucht nach Ganzheit und Heilung.

Artikel für Magazin »Lebens|t|räume« 12-2007

Was ist Weihnachten?

»Na klar, das Fest der Liebe!«, rutscht es uns da spontan heraus. Bei näherer Betrachtung könnte man es aber gut und gerne auch als Fest der Wünsche bezeichnen. Abertausende, ja Millionen von Wunschzetteln gehen jedes Jahr beim mehr oder weniger christlichen Bestellservice ein und werden, wo man es sich leisten kann, auch größtenteils erfüllt. Wo in den ersten Lebensjahren der Blick noch zu den leuchtenden Kerzen und blinkenden Kugeln im Weihnachtsbaum ging, tritt nur wenige Jahre später die neugierige Suche nach den Paketen und Tüten unter dem Tännchen. Wo zu Anfang lediglich das Kennenlernen und spielerische Erkunden von neuen Dingen in der Welt um uns herum im Mittelpunkt standen, kommt irgendwann auf leisen Sohlen das Habenwollen mit ins Spiel. Das soll nicht heißen, dass wir Älteren uns an diesen kleinen und großen Besitztümern nicht mehr erfreuen würden, aber das Mein-Gefühl, mit dem wir uns diese Sachen förmlich einverleiben, spielt bei dieser Freude doch eine größere Rolle, als wir dies vielleicht wahrhaben möchten.

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Zwei Quellen der Freude

Zu Weihnachten vermischen sich offensichtlich zwei Quellen der Freude: die Freude am Schenken und die Freude über ein erhaltenes Geschenk beziehungsweise einen erfüllten Wunsch. Wir brauchen diese beiden nicht gegeneinander aufzuwiegen, aber ein kleiner Vergleich erscheint mir durchaus interessant. Die Freude am Schenken ist etwas sehr Ursprüngliches und Teil unserer kreativen Natur. Kinder schenken uns völlig ohne Hintergedanken tagtäglich ihre ganz Lebendigkeit und Freundschaft.

Dieses bedingungslose Schenken verlangt weder Dankbarkeit noch Anerkennung – es kommt einfach aus vollem Herzen.

Diese ursprüngliche Komponente ist sicher in jedem Geschenk, das wir machen noch enthalten. Aber leider mischen sich bei den meisten von uns mehr oder weniger versteckte Erwartungen mit in dieses Spiel der Gaben. Ob es nun das artige »Dankeschön« oder ein passables Gegengeschenk ist – das bedingungslose Schenken wird dadurch im Grunde zu einem Tauschgeschäft.

Die Freude am Geschenkekriegen wiederum ist eher eine persönliche Mischung aus verschiedenen Zutaten: Da ist zum einen die erhaltene Zuwendung und liebevolle Absicht des Schenkers, die uns spürbar gut tut. Auch die Neugierde und das Interesse am erhaltenen Objekt spielt eine Rolle. Dazu kommt nicht selten noch die Vorstellung, durch eine Habseligkeit reicher, voller und glücklicher zu werden.

Die Sucht nach Wunscherfüllung

Keiner wird bestreiten, dass ein erfüllter Wunsch oder ein erreichtes Ziel uns Momente von Glücklichsein und Zufriedenheit bescheren können. Aber was dann? – Ein neuer Wunsch, ein neues Ziel muss her! So reagieren wir meist unbewusst und diese Vorgehensweise erscheint uns zumindest logisch und naheliegend. Unser Verstand hat die Situation, in der wir gerade noch glücklich waren, genau beobachtet, und die Hilfe, die er uns anbietet, um diesen wunderbaren Zustand zurückzubringen, besteht aus einer Wiederholung der Umstände. Weiter kann und mag er nicht denken, ohne selbst in die Ziellinie der Kritik zu geraten.

Die Sucht nach Wunscherfüllung ist die Suche nach Erfüllung mittels Wünschen. In dem Wort Wunscherfüllung ist die Fülle an einen Wunsch geknüpft worden. Wir leben in der Illusion, dass wir Ganzheit und Vollständigkeit erfahren könnten, wenn wir uns emotional mit etwas auffüllen.

Der Motor für dieses emsige Sammeln und Treiben des Menschenvolkes ist das Gefühl jedes Einzelnen, unvollständig zu sein. Mit dieser latenten Unzufriedenheit in Kopf und Bauch fühlen wir uns in gewisser Weise ständig krank und suchen daher nach Heilung. Alle sogenannten unangenehmen Gefühle, wie Ärger, Wut, Zorn und vor allem Angst, nähren sich aus dieser Vorstellung von ständigem Mangel. Weihnachten, das sich uns heutzutage als Fest der materiellen Fülle präsentiert, wird aus dieser Perspektive zum Symbol einer emotionalen Mangelerkrankung.

Habseligkeiten

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Durch Dinge, die man haben kann, selig oder glücklich zu werden, ist eine Illusion, die in unserer Welt jedoch gut etabliert ist. Nun, was kann man denn vermeintlich so alles haben? – Ein Grundstück, ein Auto, ein Haus, eine Waschmaschine, einen Hund, einen Mann, eine Frau, ein oder mehrere Kinder und noch vieles mehr aus der materiellen Welt. Man kann aber auch Recht haben, eine Meinung, einen Standpunkt und einen Glauben. Dazu kommen noch Überzeugungen, Vorstellungen, Probleme, Ängste, Gefühle und Gedanken und vieles mehr. Nicht alle dieser »Habens« sind für uns offensichtliche Heils- und Glücksbringer, aber ausnahmslos alle nähren in uns die verrückte Vorstellung, durch sie vollständiger zu sein. Wir haben schreckliche Angst vor der Leere! Nein, es muss besser heißen: unser Verstand hat schreckliche Angst vor der Leere!

Die gute Nachricht ist: Wir können niemals unvollständig sein – wir können es nur vergessen!

Wissen die Götter, was uns geritten haben mag, dass wir kollektiv einer solchen Lüge auf den Leim gegangen sind. Der Lüge von der Unvollständigkeit, die uns ständig Gefühle von Mangel und Angst ins Leben bringt. Damit wir uns von dieser globalen Erkrankung heilen können, müssen wir aufwachen und uns gegenseitig wachküssen. Aber wie? Vielleicht könnten wir uns daran erinnern, wer wir wirklich sind.

Wunsch-los = Glücklich-sein

»Immer, wenn wir einen Wunsch los – geworden sind, ein Ziel erreicht haben, sind wir glücklich und zufrieden – wunsch – los glücklich

So lautet die Antithese zum Glück durch Wunscherfüllung. Diese Augenblicke voller Glückseligkeit sind nicht euphorisch, sondern still. Sie benötigen keinen neuen Inhalt, denn sie sind bereits voll und leer zugleich. Die Leere ist die Geburtsstätte des Universums. Sie enthält die absolute Fülle aller Möglichkeiten. Sie ist das unendliche Potential, das uns in diesen Momenten zur Verfügung steht – das weiße Blatt, auf dem alle Bilder dieser Welt entstehen könnten. Warum sollten wir davor wegrennen?

Wären wir uns dessen, was wir wirklich sind, bewusst, würden wir so etwas niemals tun, denn hier sind wir zu Hause, aus genau diesem Holz sind wir geschnitzt. Wären wir ein Baum, so hätten wir sicher keine Angst vor Holz, es sei denn, wir würde uns für etwas völlig anderes halten. Und genau das tun wir! Wir halten uns für etwas anderes, als wir wirklich sind! Dann geben wir dieser Form einen Namen und diverse Eigenschaften, wie beispielsweise B.M.Tang, Musiker und Schreiberling, Vater zweier Söhne und Mutter von Momoko etc. und verwechseln das mit unserer wahren Natur. Das ist es, was in spirituellen Kreisen oft mit dem Ausdruck Trennungsbewusstsein bezeichnet wird.

Wir denken uns um Kopf und Kragen und fühlen uns von der Quelle unseres Seins getrennt. Darauf bauen wir unsere ganze Individualität und sind ständig darum bemüht, etwas ganz Besonderes zu sein.

Das Paradox des Menschseins ist damit installiert: Das Ich, bzw. das, was man dafür hält, will sich von der Masse abheben, will der Einheit entfliehen und wird gleichzeitig magnetisch davon angezogen.

Das Auge des Hurricanes

Diese Anziehung geht von einem Zentrum aus, das wir tief in uns spüren können. Wir sind damit verbunden, wir sind Teile des Ganzen, ob wir wollen oder nicht. Aber wieso sind wir auf diesem Auge meist mit Blindheit geschlagen? Nein, wir sind nicht wirklich blind, sondern wir rennen mit geschlossenen Augen herum und versuchen mit dem Denken zu sehen. Das aber führt uns nicht aus der Dunkelheit und ist zudem sehr mühsam.

Dort, wo immer jetzt ist, wo es still ist, wo die unvorstellbare Kraft des Lebendigen wohnt – mitten im Auge des Hurricanes – kann sich der Verstand niemals hineindenken.

Er kann diesen Ort vielleicht beobachten, aber nicht begreifen und er kann diese Kraft schon gar nicht kontrollieren. Wozu auch? Es sei denn, wir haben uns noch nicht genügend die Finger verbrannt bei unseren zahllosen Versuchen, mit diesen Kräften herumzuzaubern. Besonders verführerisch ist es, wenn uns ab und zu mal ein Kunststück gelingt. Bei diesen Zaubertricks entstehen aber lediglich weitere Illusionen, weitere Blendwerke, die uns in ihren Bann ziehen.

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Solange wir mit dem Verstand identifiziert sind, sind wir letztendlich immer nur Spielball des Wirbelsturms, der uns wie ein Hamsterrad ständig in Bewegung hält. Wir sind nicht in unserer Mitte, dort, wo das Unbegreifliche, wo die Wunder auf uns warten.

Für alle, die das Zaubern, Manifestieren und Manipulieren aufgeben möchten, gibt es gerade zur Weihnachtszeit die schöne Möglichkeit, zusammen mit den Kindern dieser Welt das Buch der Wunder wiederzuentdecken.

Seine Seiten sind blank und das Leben beschreibt sie ganz von selbst, so wie in der unendlichen Geschichte von Michael Ende. Wir brauchen also nicht den Raum zwischen den Buchstaben zu suchen – dieses Buch ist leer! Es ist Symbol für die Lücken zwischen den Gedanken oder auch die wunschlosen Momente, die uns mit unserem unerschöpflichen Potential verbinden.

Besinnlichkeit und Liebe

Besinnlichkeit ist ein Ausdruck, der diesen Zugang zu unserer Mitte gut beschreibt. Mit wachen Sinnen und Hingabe können wir erfahren, was uns jenseits der Begehrlichkeiten in jedem Augenblick unseres Lebens erwartet. Das sind die wahren Geschenke, die uns ohne jeden vorausgeschickten Wunsch immer wieder überraschen.

Besinnlichkeit ist Meditation, die ohne besondere Form oder Ritual mitten im Alltag stattfinden kann.

Dann fliegt uns manchmal wie eine Rettungsleine mitten in das tägliche Chaos eine wunderbare Kraft zu, die uns hineinzieht ins stille Auge des Sturms. Es ist die Liebe, diese heilende Substanz, die aus der Ganzheit erwächst und uns zur Ganzheit zurückführen kann. Sie verbindet uns nicht nur mit unserer Mitte, sondern auch untereinander und lässt uns spüren, dass wir über die Vereinzelung hinausgehen können, dass die viel beschworene Einheit von Allem-Was-Ist jederzeit für uns erlebbar ist.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern, das Fest der Liebe bewusst zu feiern und auch über Weihnachten hinaus das Glück eines besinnlichen Lebens zu erfahren.

Fotos: © lebenstraeume.de
Eine schöne Bescherung © Stefan Bayer | pixelio.de
Hurricane Isabel from ISS 2003 | © NASA
Made homeless by Bangor fire 1910 | © The Library of Congress

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pdf-icon WunschLos GlücklichSein – und das ausgerechnet zu Weihnachten? – Lebens(t)räume 12-2007

 

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2 Responses to WunschLos Glücklichsein – und das ausgerechnet zu Weihnachten?

  1. Norman sagt:

    Tja, lieber Tang, danke für die Erinnerung! (& Schöne Weihnachten)

    Nur, irgendwie bleiben die Wünsche trotzdem. Beispiel: Nachdem ich mein Auto habe verschrotten lassen, habe ich mal wieder gemerkt, wie sehr ich mich darüber identifiziert habe, ein Auto zu besitzen. Bei Licht betrachtet ist gerade hier in der Großstadt alles auch ohne Auto erreichbar (wenn auch etwas beschwerlicher), aber ich spüre geradezu, wie ich meinen Selbstwert daran fest mache. Und schon kommt wieder das liebe Geld daher, was ja die Grundbedingung für ein Auto ist, und alles, was da noch hinten dran hängt und so weiter….Und wenn ich (mit dem Verstand denkend) mir vorstelle, dass ich all diese Dinge, mit denen und über die ich mich identifziere, mal weglasse, dann – was bleibt dann übrig? Was bin ich? Nichts!!! Ein Nichts, das, so sagt das erlernte Wissen, zugleich das Alles ist.

    Da sich das aber noch nur im Bereich des angelesenen (Papageien-)Wissens abspielt, macht mir diese Vorstellung irgendwie noch etwas Angst. Genauer gesagt ist es der Verstand, der sich zwar vorstellen kann, die Wünsche loszulassen, aber spätestens beim Loslassen der Sorgen das ein oder andere Problemchen bekommt. Da ich weiß, wie sinnlos es ist, in Wolkenkuckuksheimer Luftschlössern zu verweilen, brauch ich was handfestes. Das heißt: Glaubenssätze debuggen, mich selbst umprogrammieren, auf dass irgendwann ein „Außenwelt-Level“ erreicht ist, von dem ich sagen kann „Ich kann mich nicht beklagen“ – aber nie ohne das Wissen zu verlieren, dass das Außen aus dem Innen kommt (daher das Programm debuggen), denn irgendwie muss es ja auch weitergehen… 🙂

    In diesem Sinne: Liebe Grüße!

  2. Tang sagt:

    @ Norman – Dann will ich jetzt auch mal die Hosen runterlassen … haha. Na klar bleiben Wünsche – bei mir auch! Und inzwischen spiele ich mit ihnen. Ja, ich war und bin wohl für den Rest meines Lebens ein »Spielkind«! Und Spieler lieben auch ihre Spielzeuge – haben Probleme, sie wegzulegen oder sie zu verschrotten. Oh mein Gott, was hab ich im Leben meine ersparten Kröten in wunderhübsche Spielsachen getauscht: Musikinstrumente, Computer, geiles Auto und sonstigen Schnickschnack … schöööön! Und dann mit Hingabe ins Spielen eingetaucht – alles um mich rum vergessen. Das ist wie ein spannender Film oder Buch.

    Es hat ne Weile gedauert, bis ich zugeben konnte, dass ich mir da immer nur Spielsachen gekauft habe. »Das brauch ich beruflich – das ist wichtig für dies und das!« – alles nur gut gewählte Ausreden in meinem Fall. Ich bin ganz oft völlig fasziniert von neunen Gadgets und begeistert von dieser Fantasie und Schöpferkraft. Warum auch nicht? Ich kenn das ja selbst, wenn aus dem Computer plötzlich die hübsche Website rauskommt – genau so wie ich sie haben wollte – oder wenn ein neues Musikstück erklingt und die Noten aus dem Drucker flutschen. Und da gibt’s noch soooo viel mehr.

    Aber wie fühle ich mich, wenn diese Sachen plötzlich weg wären? Da erst merke ich den entscheidenden Unterschied zu früher. Ich spiel das gerade mal wieder durch: Was wäre wenn … mein Computer gerade jetzt, wo ich dies schreibe den Geist aufgibt – okay, dann spiel ich Klavier. Und wenn mir der Deckel auf die Finger fällt, alle Finger bricht und ich nie wieder Piano spielen kann – dann heul ich erst mal und sing eben mehr. Und wenn … und wenn … und wenn all diese geliebten Dinge nicht mehr gehen? Dann bin ich still, tu gar nix und frag mich vielleicht: »Was geht noch ab, Alder?«

    Gerade eben, nach Durchlauf dieses Alles-verschwindet-Testprogramms, spüre ich, dass da ein Zentrum, ein Kern übrig bleibt, der absolut unzerstörbar ist. Und der ist vollgepackt mit Liebe – Liebe zu Allem was Ist. Und wenn ich mich in schöne Dinge im Außen verliebe und mit ihnen spiele, dann ist das ein bisschen als ob ich mich selbst umarme. Aber ich hänge nicht mehr fest an ihnen. Mein Wesenskern bleibt davon unberührt und meine Zufriedenheit, meine innerer Frieden sind davon unabhängig. Genau das meine ich mit »Wunsch-los-glücklich-sein«! Zu erkennen, das es nicht die Wünsche oder Objekte sind, die mich versklaven, sondern die Identifikation und Abhängigkeit von Erfüllung. Wenn diese Unabhängigkeit nicht nur intellektuell erkannt, sondern auch gefühlt werden kann, dann mach das Spielen noch mal soviel Spass … 🙂

    Und nicht zu vergessen … die Freude am Schenken! Ja, mit dem Schenken habe ich meine ganz besonderen Erfahrungen gemacht. Und die werde ich in Kürze mal etwas ausführlicher hier im Bog mit allen teilen.

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