Beziehungsarbeiterei

Es gibt ja den beliebten Glaubenssatz, dass man irgendwann – wenn der Zucker der Frischverliebtheit mal abgeleckt ist und die ersten Krisen auftauchen – an seiner Beziehung arbeiten muss, damit es irgendwie weitergeht. Und genau das ist dann meist der Anfang vom Ende. »Aber Tang, Beziehungsarbeit ist doch auch spannend!«, höre ich es da im Ohr klingeln.

Sorry, auf diese Art Spannung kann ich gut und gerne verzichten.

Wenn ich was arbeiten will, dann fallen mir wirklich schönere und interessantere Dinge ein wie zum Beispiel Musik schreiben, bloggen oder im Garten werkeln. Aber ne Liebesbeziehung als Abenteuerspielplatz mit vielen bunten Überraschungen zu betrachten, finde ich durchaus prickelnd und anziehend.

Warum Beziehungen scheitern

Warum Beziehungen scheitern hat verschiedene Gründe. Nach meinen Beobachtungen ist der Hauptgrund das Zerplatzen der Seifenblase vom falschen Einssein. Die Formel lautet: 1/2 + 1/2 = 1. Rein rechnerisch richtig – für das Leben einer erfüllten Liebesbeziehung jedoch tödlich, es sei denn, beide Seiten stehen auf Co-Abhängigkeit. Wenn ich zu jeder dieser Zahlen das Wort Mensch hinzufüge wird das deutlich:

1/2 Mensch + 1/2 Mensch = 1 Mensch?

Jedem fällt sofort auf, dass hier etwas nicht stimmt, aber genau so werden die meisten Beziehungen gelebt. Der sinnige Ausdruck »meine besser Hälfte« für den Liebespartner zeugt von diesem unglücklichen Umstand. In meinem Artikel Ende der Beziehungskiste – neue Chance für die wahre Liebe habe darüber ausführlicher geschrieben.

So gesehen besteht die sogenannte Beziehungsarbeiterei meist in dem mühsamen Versuch, dass symbiotische Verhältnis zwischen dem einstigen Liebespaar irgendwie wiederherzustellen.

Und das geht nur, wenn beide so tun, als ob sie den anderen verstehen – selbst wenn sie sich dabei kräftig in die Tasche lügen – und weiterhin ganz brav und tolerant ihre letzten Federn lassen – bis hin zur gemeinsamen Flugunfähigkeit. »Wir gehören doch zusammen – wir brauchen uns doch, oder?« Klingt das zu bissig? Ist aber oftmals so.

Alles fängt ganz harmlos an

Dabei fängt die Arbeiterei erst mal ganz harmlos an: Über sich selbst nachdenken, reflektieren, das Problem erkennen und dann an sich arbeiten. Forschungsarbeit in Richtung Innen ist ja im Grunde was Gutes. Leider wir aber meist nur mit dem Kopf geforscht. Und das Nachdenken im Hirnstübchen führt natürlich zu immer weiteren Gedanken und eventuellen Problemen, die es dann zu lösen gilt. Und wie läuft das? Natürlich durch noch mehr Arbeit und Beschäftigung mit diesen Problemen. Na prima: »Never ending story«. Da wird leider kein Schuh draus!

Wenn es wirklich um inneres Erkennen, um Selbsterkenntnis geht, dann ist das Denkwerkzeug durchaus mit Vorsicht zu betrachten.

Hier ist viel mehr Intuition gefragt, und die kommt viel mehr aus dem Herzen als aus dem Kopf. Intuition verlangt eher nach gedanklicher Stille und Besinnung – also dem Gegenteil von Arbeiten!

Ohne Fleiß keinen Preis?

oder vielleicht doch lieber umgekehrt: ohne Anstrengung fallen mir die richtigen Dinge einfach zu. Was ist nun richtig? Fūr beide Überzeugungen kann ich sofort Beispiele aus eigener Erfahrung aufzählen. Hier gilt wohl der alte Spruch meine Opas: Wie du in den Wald rufst, so schallt es wieder raus. Dieses universelles Gesetz ist sicher einigen als »Das Gesetz der Anziehung« zu deutsch »law of attraction« bekannt. Wenn das stimmt, dann bestelle ich mit meinen Überzeugungen quasi schon die bestätigenden Ereignisse im Voraus.

Eine schōne Selbst-in-den-Schwanz-beiß-Katze. So kommt es wohl, dass angestrengte Fleißarbeiter, die für alles im Leben unbedingt etwas tun und kämpfen müssen, neben lockeren Hallodris, denen alles zufällt existieren. Und jeder bekommt durch das eigene Erleben auch tagtäglich die Beweise, dass er recht hat. Das ist doch witzig, oder?

Was bringt uns diese Beobachtung nun in Bezug auf die Beziehungs-Arbeit? Nun, da der »ohne Fleiss keinen Preis Glaubenssatz« in unserer Gesellschaft ziemlich vorherrschend ist, kann man mir die Notwendigkeit von Beziehungsarbeit natürlich gut verkaufen. Ich steige darauf sofort bereitwillig ein und gebe mein Bestes, um die Bruchstellen zu kitten und wieder zu kleben.

Hast du schon mal versucht, eine Seifenblase zu kleben? Die Antwort kannst du dir schenken!

Zurück in die Steinzeit

Es soll ja tatsächlich Männer geben, die immer noch nach Frauen jagen, als ob sie noch mitten in der Steinzeit wären. Nun ja, das urmenschliche Balzverhalten hat sich wohl inzwischen verändert: aus Steinschleuder und Hinkelstein sind inzwischen Goldkettchen und schnelle Autos geworden. Und auch die geräumige Bärenhöhle sieht inzwischen anders aus.

Aber für diese Fangen-Spielchen braucht es natürlich immer auch die passenden Mitspieler – sonst läuft eben nichts. Heutzutage sehen die Waffen und Fangwerkzeuge einfach anders aus.

Sinniger Zwischengedanke: »Wieso nennen wir Super-Männchen eine Super-Weibchen manchmal »Keule«?

Vielleicht erschlagen uns die Girls ja wirklich manchmal mit den »Waffen einer Frau«. Späte Rache für die Steinzeit? Na ja, echte Gewinner gibt’s da im Grunde nicht. Nur das Instrumentarium hat sich ein wenig verändert. Imponier – und Balzrituale auf männlicher und weiblicher Seite sind uns geblieben.

»Aber was soll daran falsch sein? Ist doch auch irgenwie lustig, dieses Spiel, oder?« Ich weiß nicht recht, nach meinen Beobachtungen hält sich da Freud und Leid die Waage. Bei der Partnerwerbung gibt es ja auch für viele so manche Frustration. Bis da Töpfchen und Deckelchen manchmal zusammenkommen, vergeht oft einige Zeit. Da wir kräftig gefeilt und gesägt – sprich gearbeitet -, bis alles zusammenpasst.

Mir fällt gerade auf, dass im letzten Absatz fast nur Begriffe aus dem Paarungsverhalten der Tierchen verwendet habe. Okay, mal angenommen der Fortpflanzungswunsch steckt uns in den Knochen oder besser den Genen. Das müssten wir erstmal hinnehmen, obwohl die Kerlchen auch nicht in Stein gemeißelt ist, wie wir heute wissen. Wie wir dieses Genchen ausleben, das scheint durchaus veränderbar.

Woher wir das gerade beschriebene Repertoire haben? Darüber weiß die Wissenschaft heute gut Bescheid. Wir Menschen sind gerade in jüngsten Jahren wie kleine Fotokopierer unserer Umgebung. Da kopieren wir so bis zum 6. Lebensjahr so ziemlich kritiklos Verhaltensweisen, Vorstellungen, Glaubenssätze etc. unserer Eltern und Bezugspersonen.

Die müssen’s ja wissen, oder? Was aber wenn die Oldies keine Ahnung haben oder ne Menge Müll im Gepäck?

Tja, dann nehmen wir das als Kinder eben mit, schleppen das Säcklein mit uns rum und gehen dann später zum Therapeuten. Und da die meisten dieser Brüder und Schwestern genauso großgeworden sind wie wir, lautet deren Grundeinstellung zur Problembewältigung meistens: »Wir müssen daran arbeiten! Dann wird’s schon irgendwie.« Die Scheidungs- und Trennungszahlen geben Einblick in die Erfolgsaussichten dieser Maßnahmen.

Was läuft da schief?

Ob das in der Steinzeit auch schon so war, weiß ich nicht. Aber in den letzten paar tausend Jahren, die uns überliefert sind, scheint es ein durchaus vergleichbares und durchgängiges Muster zu geben: das Gefühl, dass man sich selbst nicht genug ist. Die Identifikation mit diesem Konstrukt das wir »Ich« nennen, bringt es mit sich, dass wir ihm immer etwas hinzufügen müssen. Ohne diese Habseligkeiten fühlen wir Mangel. Mangel im Inneren verlangt nach Auffüllen oder Hinzufügen im Außen.

Wenn Beziehungen eigegangen werden, um dieses Mangelgefühl zu befriedigen, dann ist dieser Friede immer nur vorübergehend. Darüber können auch alle romantischen Gefühle und Rituale nicht dauerhaft hinwegtäuschen. Irgendwann ist es wieder da, das Gefühl »es fehlt noch was«. Wenn es uns nicht gelingt, dieses unangenehme Gefühl zu besänftigen, dann leiden wir. Das geläufigste Grundmuster zur Mangelbeseitigung heißt nun eben »ohne Fleiß – keinen Preis!« Wir sollen uns bemühen um den anderen, den Liebesgefährten – und das geht eben nur mit Mühe, mit Arbeit.

Frage: »Na wie isses, seid ihr jetzt zusammen oder nicht? – Antwort: »Ich arbeite dran!«

Unserer Sprache spiegelt wie so oft ziemlich genau unsere Einstellungen und Vorstellungen zum Leben. Eine wahre Fundgrube für Kurioses.

Ich lieb dich von Herzen …

»Ich liebe dich ja …
wie heißt es doch, wenn man einen Zweig abbricht und die Blätter abreißt?
Von Herzen, mit Schmerzen, über alle Maßen.«

so Theodor Fontane in »Effi Briest« 1894.
Daraus wurde später im Kinderspiel von Johann Lewalter »Er liebt mich, er liebt mich nicht« 1919:

»Er liebt mich von Herzen
mit Schmerzen
über alle Maßen
kann nicht von mir lassen
klein wenig
gar nicht«.

Nicht zu vergessen die zahlreichen Variationen dieses Liebesschwurs im Volksmund.

Streng genommen müsste man aus all diesen »normalen« Liebes-Beziehungen das Wort Liebe rigoros streichen oder – wenn ich freundlicher sein möchte – wenigstens in Klammern setzen.

Mal vorausgesetzt, dass sich zwei Menschen wirklich im Herzen begegnen und von Herzen lieben, dann gibt es keine Schmerzen, kein Leid. Der o.g. Liebesschwur benennt poetisch leider nur die abhängige Beziehung, die uns bei Verlust oder Zerbrechen Schmerzen bereitet.

Geht’s auch anders mit der Liebe?

Aber klar doch. Weil es so schön passt, dazu ein Zitat aus meinem Artikel Das Ende der Beziehungskiste – neue Chance für die wahre Liebe:

»Die Unvollständigkeit – dieser innere Mangelzustand – ist gelebte Illusion! Allerdings mit gewaltigen Konsequenzen. Sie schickt uns auf einer manchmal lebenslange Suche, dieses Gefühl von »innerem Loch« durch irgendwas von Außen zu stopfen oder zu besänftigen. In spirituellen Kreisen führt die Sehnsucht nach Erfüllung und Ganzheit oft zum Wunsch nach dem Seelenpartner. Irgendwo da draußen im Universum muss er doch sein, der ultimative Glücks- und Heilsbringer, der zu mir passt und mich perfekt ergänzt. Aber unsere verwandten Seelen sind keine Hälften, sondern ebenfalls vollständige Kreise – um bei der Geometrie zu bleiben -, mit denen wir tief verbunden sind.

Für die traditionelle duale Partneridee ist das Bild »Halbkreis sucht Halbkreis« durchaus passend.

Wenn hier zwei menschliche Hälften zusammengehn, bilden sie von außen gesehen einen Kreis. Sieht doch gut aus – frisch verheiratet und zusammengeklebt, bis das der Tod uns scheidet! Nee, das geht heute viel schneller – dank Sekunden-Spezial-Bastel-Kleber für Beziehungskisten! Der hält meist nicht lange. Dafür reißt er beim Auseinanderfallen oft tiefe und schmerzhafte Wunden.

Hier nun die alternative Aussicht: Wenn zwei volle Kreise – zwei Menschen im Bewusstsein ihrer Ganzheit – zusammengehen, dann bilden sie wie die ineinander geschlungenen Glieder einer Kette die liegenden Acht – das Zeichen der Unendlichkeit. Das ist das Bild, das ich in meinem Roman Momoko beschrieben habe und das ich immer noch vor Augen habe, wenn ich an die Vision von wahrer Liebe denke.«

Falls du da tiefer eintauchen und noch mehr über meine Betrachtungen zu Beziehungskisten lesen möchtest, dann viel Freude mit dem Artikel. Der passt perfekt zum Thema hier.

Alternative zur Beziehungsarbeit: Potenzialentfaltung

Welche Alternative habe ich nun, wenn ich spüre, dass es in meiner Beziehung kriselt? Wie sieht das nun praktisch aus?

Nun, wenn wir uns in unseren Lebensgefährten schon so schön selbst widerspiegeln, dann ist das ja im Grunde ideal für die Nabelschau. Da sind wir wieder beim Blick nach Innen angelangt. Aber diesmal bitte mit dem Herzen. Dort tut sich der Weg auf zur Intuition, zum Gewahrsein im Augenblick, vorbei an den wirren Ideen und Programmen unseres Kopfes. Ich muss das nicht verstehen, wenn ich es direkt im Herzen fühle.

Da ist eine andere Intelligenz am Werk, die immer nur unser Bestes will und nur eine Wahrheit kennt: Liebe!

Nicht die eigensüchtigen und begrenzenden Kopfgeburten und Konzepte, auf die wir sinnentleert das Wort »Liebe« stempeln. Hier geht es um unsere wahre Natur und das Potenzial, das wir in uns tragen. Die können sich am besten in Liebe entfalten.

Wenn ich mein Potential entfalten möchte, dann brauche ich dazu keine Brechstange sondern die Gießkanne. Wenn nun »an mir arbeiten« die Brechstange wäre, was entspräche dann der Gießkanne?

Die Lösungsworte heißt »Liebe, Begeisterung und Hingabe!«

Alles was wir in diesen Seinszuständen erfahren, bleibt dauerhaft hängen. Begeisterung ist ein Katalysator für bleibende Erinnerung und daraus entsteht echtes Wissen. Das wissen inzwischen sogar die Hirnforscher. Zusammen sind diese Jetzt-Erlebnisse die besten Mittel, selbst die verkorksten Matrizen aus unser Kindheit auszuhebeln und sogar zu löschen, diese Fotokopien die unser Leben so oft behindert haben. Und hier kommen uns sogar unsere Gene zu Hilfe. Ja, diese Kerlchen sind gar nicht so starr und festgelegt wie man lange geglaubt hat. Sie sind durchaus empfangsbereit für neue Informationen und können noch zu Lebzeiten dementsprechend mutieren.

Was für wunderbare Aussichten für ein neues Bewusstsein!

Foto: Werkzeug als Silhouette © Norbert Lorenz | pixelio.de

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